Kapitel 4: Im Nationalpark

Ein Ausflug

„Bereit fürs Abenteuer?“ Der Park Ranger Jim Trenton musterte die Gruppe. Zwanzig Burschen und Mädchen saßen aufbruchsbereit auf ihren Pferden. Mit aufgeregt funkelnden Augen erwiderten alle: „Ja, Sir!“ Jedes Jahr veranstaltete der jüngste der Trenton-Brüder für eine Anzahl von Father Alans Heimbewohnern einen mehrtägigen Ausflug im nahegelegenen Nationalpark. Begleitet wurden sie von Father Alan, einer Mitarbeiterin des Heims sowie je zwei Neffen und Nichten von Jim. Diesmal kam auch Amy McClaw mit.

„Bei dem Begleitschutz kann uns ja nichts passieren!“ Alex klang belustigt. Pepito folgte seinem Blick. Überrascht sah er, wie Father Alan ein Gewehr in ein Sattelhalfter steckte. „Hey, Father, ist das nicht ein wenig unfair?“, rief Alex. „Warum dürfen wir keine coolen Knarren tragen? Wenn uns ein Bär zu nahe kommt, sollen wir ihn dann zu Tode kuscheln?“

Father Alan schmunzelte. „Keine Sorge, wir beschützen euch schon. Lieber nehm ich’s mit ein paar Bären gleichzeitig auf, als Richterin Sparks einen etwaigen Verstoß gegen gewisse Auflagen erklären zu müssen. Wie zum Beispiel ein absolutes Schusswaffenverbot für sämtliche meiner Schützlinge.“

*

Die Ausflügler legten eine Mittagsrast ein und stärkten sich mit Sandwiches. Die meisten Jugendlichen scherzten und lachten voll Unternehmungslust, doch Pepito saß etwas abseits auf einem am Boden liegenden Baumstamm, neben ihm Amy. Er schaute still um sich, das Sandwich in seiner Hand war vergessen, sein Blick wirkte versonnen.

„So still? Bereust du’s, mitgekommen zu sein?“ Father Alan setzte sich zu Pepito. Im nächsten Augenblick kam Jim Trenton herzu und setzte sich neben Father Alan.

Die Frage riss Pepito aus seiner Versunkenheit und verständnislos sah er den Mann an. „Bereuen? Nie und nimmer! Es ist schön hier. Unglaublich schön!“ Er ließ den Blick über die Lichtung schweifen, die Bäume ringsum, die Berge im Hintergrund, gleichzeitig lauschte er dem Vogelgezwitscher und dem Summen der Insekten, tief atmete er den würzigen Duft ein. „Ich fühl mich ganz komisch innen drinnen. So still und friedlich. Sowas hab ich noch nie erlebt.“

Amy schaute ihn verstohlen an, unwillkürlich wurde der Ausdruck auf ihrem Gesicht weicher.

Jim nickte und ließ ebenso seinen Blick über die Umgebung wandern. „Ich weiß, was du meinst. Wenn ich allein hier draußen bin, spüre ich das auch. Dann will ich am liebsten gar nicht mehr weg. Deshalb bin ich Park Ranger geworden.“ Er warf Father Alan einen schelmischen Blick zu. „Erst wollte ich ja zu den Special Troops, aber in der Stadt hätte ich es nicht ausgehalten. Hier in der Natur nach dem Rechten zu sehen, das ist genau meins.“

Da stand Pepito sein Leben in der Gang vor Augen. Plötzlich empfand er eine tiefe Abscheu davor. Es wurde ihm schwer ums Herz bei dem Gedanken, dass er bald wieder in die Stadt zurückkehren würde.

Sandro saß in der Nähe. Nun musterte er Pepito amüsiert. „Hast wohl romantische Anwandlungen? Die haben wir alle beim ersten Ausflug. Letztes Jahr hab ich anfangs auch davon geträumt, Park Ranger zu werden. Aber nach ein paar Tagen fern jeglicher Zivilisation hab ich mir’s doch wieder anders überlegt.“ Er stand auf und klopfte Pepito auf den Rücken. „Genieß das tolle Gefühl, solange es dauert.“

Amy bemerkte den verletzten Ausdruck in Pepitos Augen. „Was du empfindest, ist echt und gut. Lass es dir von dem Schwachkopf nicht vermiesen“, sagte sie hitzig. Da lächelte er ihr dankbar zu.

Am späten Nachmittag erreichten sie den offiziellen Lagerplatz samt Pferdekoppel auf einer größeren Wiese im Waldgebiet. Erst wurden die Pferde versorgt und dann stellten die jungen Leute Zelte auf. Anschließend feierte Father Alan unter freiem Himmel die Messe.

„Kommst du?“, fragte Amy, als sie bemerkte, dass Pepito sich wie üblich absondern wollte.

„Das ist nichts für mich“, wehrte er schroff ab.

Amy legte den Kopf schief und musterte ihn nachdenklich. „Vielleicht. Vielleicht aber doch? Probier’s einmal aus.“ Kurz entschlossen nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn mit sich. Pepito wollte keine Szene machen und folgte ihr, wenn auch widerwillig. Hinter allen anderen setzten sich die beiden auf den weichen Grasboden. Die Schönheit der Natur hatte eine riesige, namenlose Sehnsucht in ihm erweckt. Jetzt lauschte er eigentlich nur Amy zuliebe den Gebeten und Gesängen, und beobachtete Father Alan am Feldaltar. Der Priester hob die Hostie hoch. Irgendwie konnte Pepito den Blick nicht davon wenden, und plötzlich brach diese Sehnsucht in ihm voll durch.

‚Ich würd ja so gern an dich glauben können‘, betete er im Stillen und überraschte sich selbst damit. ‚Grad hat Father Alan gesagt, dass du uns liebst. Davon hab ich noch nie was bemerkt. Schau dir mein Leben doch an. Bis jetzt haben mich nur alle verraten, denen ich vertraut hab. Das soll bei dir anders sein? Ich hätte so gern jemanden, der immer an meiner Seite ist und mich nie verlässt. Wenn es dich gibt, Gott, dann hilf mir!‘ Da erschrak Pepito. Im Innersten war er mit einem Mal erfüllt von einer starken Empfindung. Es fühlte sich an, als würde ihm jemand Mut zusprechen. Verständnislos und doch irgendwie hoffnungsvoll blieb Pepito ganz still.

Amy bemerkte, dass Tränen in seinen Augen glänzten. Leicht und zaghaft legte sie ihre Hand auf die seine. Überrascht zuckte Pepito zusammen, doch er zog seine Hand nicht weg.

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.

ZURÜCK ZU TEIL 10