Kapitel 4: Im Nationalpark

Zukunftspläne

„Als krönenden Abschluss wollen wir morgen auf den Berg hinauf.“ Father Alan deutete auf die Bergkette, die sich gleich hinter ihrem Lager erhob. „Aufbruch ist um fünf in der Früh.“ Ein allgemeines Stöhnen erhob sich. Father Alan und Jim Trenton schmunzelten mitleidslos. „Glaubt mir, es lohnt sich. Der Weg ist allerdings nicht ganz so ohne. Steil, und an manchen Stellen ausgesetzt.“

Pepitos Augen leuchteten. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Jeder Tag brachte neue Abenteuer und die Gemeinschaft der jungen Leute hatte an Tiefe gewonnen. Auch fühlte er sich immer mehr zu Amy hingezogen, und sie war ebenso gern mit ihm zusammen. Da bemerkte er, wie Ken sehnsüchtig und zweifelnd zugleich zu dem Berg hochblickte. Pepito erinnerte sich an einige Momente in den letzten Tagen, die vermuten ließen, dass Ken mit Höhenangst zu kämpfen hatte. Im selben Moment fügte Father Alan hinzu: „Für Leute, die nicht völlig trittsicher sind, gibt es auch einen leichteren Weg hinauf.“

Ken biss sich unschlüssig auf die Lippen. Offenbar fiel es ihm schwer, seine Schwäche vor allen offen zuzugeben. Pepito zauderte. Ken war von einer verfeindeten Gang, vor Monaten waren die beiden auf der Straße aneinandergeraten. Die Narbe am Arm würde Pepito lebenslang an den Überfall erinnern. Aber jetzt standen beide unter Father Alans Obhut, und im Heim wurde es nicht geduldet, alte Fehden auszutragen. Zudem hatten Pepito die Tage in der Wildnis ein neues Verständnis für Kameradschaft gelehrt. Und mit seinen Sprachschwierigkeiten wusste er, was es bedeutete, sich für eine Schwäche zu schämen.

„Ich nehme den leichteren Weg“, sagte Pepito, einem plötzlichen Impuls folgend. Ken sah schnell auf und begegnete Pepitos Blick. Da ging es wie dankbare Erleichterung über das Gesicht des Jungen. „Ich auch“, sagte er rasch. Dann meldete sich Alex. Als Pepitos Buddy fühlte er sich dazu verpflichtet, bei ihm zu bleiben.„Gut“, nickte Father Alan. „Ich begleite euch, und Jim geht mit der großen Gruppe.“ Da war Pepito versöhnt mit seinem spontanen Angebot. Noch mehr freute er sich, als Amy sagte: „Wenn du dabei bist, Father Alan, dann komme ich auch mit.“ Der verstohlene Seitenblick zu Pepito hin verriet, dass sie sich seinetwegen der kleinen Gruppe anschloss.

*

Am nächsten Tag brachen die Wanderer gemeinsam auf; die erste Wegstrecke war für alle gleich. Im Lager blieben Keith Trenton, der die Pferde bewachte, und Sandro. Dieser hatte sich die ganze Nacht über nicht gut gefühlt und war nicht fit für den Ausflug. Jim Trenton wartete auf Pepito und ging dann ein Stück mit ihm. Der Park Ranger wies ihn auf einige Besonderheiten in der Vegetation hin und beantwortete die Fragen des wissbegierigen Burschen. Unvermutet sagte Jim: „Das hast du gestern gut gemacht, wie du deinem Freund so unauffällig aus seinem Dilemma geholfen hast.“ „Ken ist nicht mein Freund“, erwiderte Pepito heftig. Jim war überrascht. Er besaß genug Erfahrung mit Teenagern wie Pepito, um sich einen Reim auf die Reaktion zu machen. Der Bursche stieg in seiner Hochachtung. „Gestern hast du mir anvertraut, dass du gerne Park Ranger werden würdest“, sagte er. „Ich habe dich beobachtet. Du könntest das Zeug dazu haben.“ Pepitos Augen wurden groß. Beinahe ungläubig sah er zu Jim hin. „Aber die Anforderungen sind hoch. Du müsstest wirklich hart arbeiten. Ich habe Infomaterial für dich mitgenommen; lies dir das einmal gut durch, und später sprechen wir darüber.“ Er zog einen Folder zusammen mit einer Broschüre aus seinem Rucksack, klopfte Pepito auf die Schulter und ging dann weiter nach vorn. Wenig später trennten sich die beiden Gruppen.

Amy musste über den fassungslosen Ausdruck auf Pepitos Gesicht lachen. „Onkel Jim scheint schwer von dir beeindruckt zu sein, so wie er dir das Zeug mitten am Ausflug aufgedrängt hat. Aber lies es nicht gleich unterwegs, das kann warten bis am Abend.“
Der Bursche sah sie hilflos an. „Du verstehst nicht.“ Er kämpfte schwer mit sich. Schließlich gestand er ihr so leise, dass es niemand sonst hören konnte: „Ich kann nicht lesen.“ Amy starrte ihn bestürzt an. Pepito kamen fast die Tränen. „Schreiben auch nicht. Für WhatsApp und solche Sachen reicht’s. Aber sowas“, er deutete auf die Information, „das geht nicht.“ Dann geschah plötzlich alles auf einmal.

Pepito hatte vergessen, auf den Weg zu achten, und stolperte über eine Wurzel. In dem Moment schlug etwas krachend in den Baumstamm neben ihm, einen Wimpernschlag später knallte ein Gewehrschuss. Father Alan, Alex und Ken waren ein Stück voraus, jetzt fuhren alle drei erschrocken herum. Amy stand stocksteif da und starrte entsetzt auf Pepito, der am Boden lag. Doch im nächsten Moment rappelte er sich halb auf und riss Amy um. Keine Sekunde zu früh. Erneut fiel ein Schuss, doch niemand wurde getroffen.

„Bleibt am Boden!“, schrie Father Alan und nahm sein Gewehr von der Schulter. Durch den Sucher betrachtete er das Gebiet, von wo die Schüsse gekommen waren. An einer Stelle am Berghang bewegten sich einige Büsche heftig, als würde sich ein Mensch oder Tier dort durchkämpfen. Aber er konnte niemanden sehen. „Der Schütze ist auf und davon“, sagte Father Alan schließlich. „Alles in Ordnung bei euch beiden?“ Pepito und Amy waren völlig durcheinander, aber unverletzt. Der Priester zog das Satellitentelefon. „Ich muss den Vorfall Jim melden. Der Kerl muss rasch gefasst werden.“

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.

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