Aussprache

„Alles in Ordnung bei dir nach dem wilden Sturz? Hast uns allen einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“ Alex bedachte Pepito mit einem prüfenden Blick. Auch Sandro, ein etwa sechzehnjähriger mit Alex befreundeter Mexikaner, musterte ihn aufmerksam. 

Pepito schnitt eine Grimasse. Dass ihn so viele Leute danach fragten, ging ihm ziemlich auf die Nerven. „Ja, mir geht’s gut. Die paar blauen Flecken bringen mich schon nicht um.“ Dass ihm jeder Knochen im Leib weh tat, musste er nicht jedem erzählen. Schon gar nicht, wie ihn dieser böse Streich innerlich aus der Bahn geworfen hatte.

Später, als die meisten Heimbewohner bereits in ihren Betten lagen, saß Pepito etwas vom Hüttendorf entfernt am Boden und lehnte sich an einen Baum. Heute war sein Staunen über die Schönheit des Nachthimmels mit den unzähligen Sternen noch intensiver als sonst. Jemand näherte sich von den Farmgebäuden her. Pepito konnte nur eine Silhouette ausmachen, er selbst war in der Dunkelheit unter dem Baum wohl nicht sichtbar. „Nicht erschrecken“, warnte er leise, und abrupt blieb die Silhouette stehen. 

„Wer ist hier?“ fragte eine Mädchenstimme unterdrückt, aber dennoch scharf. 

Er erkannte Amys Stimme und verdrehte die Augen. Eine Begegnung mit ihr war das letzte, was er jetzt brauchte. „Pepito. Der Feriengast“, fügte er sarkastisch hinzu.

„Was machst du da? Du solltest doch bei den anderen sein. Habt ihr nicht fixe Regeln bei der Nachtruhe?“

„Father Alan weiß, dass ich hier bin. Und ich lass mich nicht vertreiben. Ich hab das gleiche Recht, hier zu sein, wie du.“

„Von mir aus, bleib. Ich lass mich auch nicht vertreiben.“ Amy setzte sich ein wenig von Pepito entfernt ins Gras und schaute trotzig entschlossen ebenso zum Nachthimmel hinauf. Keiner der beiden konnte den Anblick genießen, beide fühlten sich zornig und unbehaglich in der Anwesenheit des anderen. „Ich hab gehört, dass du heute vom Pferd gefallen bist“, sagte Amy plötzlich. „Anscheinend bist du nicht verletzt?“

Ungläubig starrte Pepito zu ihr hinüber. „Echt jetzt? Du interessierst dich dafür, was einem Feriengast passiert? Oder bist du enttäuscht, weil ich mir nichts gebrochen hab? Hast du mir vielleicht die Kletten untergejubelt? Weil du einen Feriengast ärgern wolltest?“ 

Amy sprang auf und stellte sich vor ihn hin, die Hände in die Hüften gestemmt. Den Ausdruck auf ihrem Gesicht konnte Pepito nicht erkennen, aber ihre Stimme klang zutiefst empört. „Wofür hältst du mich? So etwas Gemeines würde ich nie machen! Schon allein deshalb nicht, weil ich einem Tier nie absichtlich wehtun könnte. Und einem Menschen erst recht nicht! Selbst dann nicht, wenn ich ihn so wenig ausstehen kann wie dich. Vielleicht suchst du den Schuldigen ja lieber bei deinen Kameraden! Ich glaube, die haben viel weniger Hemmungen, was so eine hinterhältige Aktion betrifft.“

Sie wandte sich ab und war schon einige Schritte weggestapft, da rief er ihr nach: „Warte! Es tut mir l-leid. Ich hätte das nicht s-sagen sollen.“ Auch er war aufgesprungen und lief ihr nach. „Ich war ein Idiot. D-dachte, hier könnte nichts Schlimmes p-passieren. Nicht so wie d-dort, wo ich herkomme. Das war d-dumm. Ich bin stinksauer. Auf mich am meisten.“

Abrupt drehte er sich um und wollte weggehen, da sagte Amy kleinlaut: „Es tut mir auch leid. Ich hab mich benommen wie eine dämliche Zicke. Bei mir läuft’s momentan nicht so toll, und wenn’s mir nicht gut geht, bin ich einfach zu jedem giftig.“ Amy war selbst erstaunt, wie rasch sie dem Burschen gegenüber weich geworden war. Seine Sprachschwierigkeiten hatten an ihr Herz gerührt. Dass er seine Sätze abgehackt aussprach, hatte sie schon zuvor bemerkt. Doch jetzt stotterte er echt, ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr ihn das Erlebte belastete. 

Die beiden setzten sich wieder und eine Weile schwiegen sie. „Du bist von zuhause ausgerissen. Warum?“, fragte Pepito schließlich.

„Wegen Daddy.“ Die vorige Aggressivität war aus ihrer Stimme verschwunden, sie klang nur noch frustriert.

Pepito glaubte zu verstehen. „Schlägt er dich?“

„Was? Nein!“ 

„Trinkt er vielleicht? Oder ist er auf Drogen?“

„Nein!“ Fast musste sie kichern. „Er ist Special Trooper. Genau diese Dinge bekämpft er. Im Großen und Ganzen ist er total nett.“

Pepito war ratlos. „Warum bist du dann weggelaufen?“

„Weil er nie für uns da ist!“, brach es aus Amy hervor. „Wir hatten uns alle schon so auf den Urlaub mit ihm gefreut. Und dann hat er zwei Tage vor der Abreise angerufen, dass er doch keine Zeit hat. Angerufen! Er hat’s nicht einmal geschafft, zu einer vernünftigen Tageszeit heimzukommen und es uns zu sagen!“ Pepito konnte sie nur verständnislos anschauen. Offensichtlich stammte sie aus einem anderen Universum. „Ich hasse die Special Troops! Daddy lebt bloß für die Behörde. Alles dreht sich um die Problemfälle, nur die bekommen Aufmerksamkeit. Niemand hat Zeit für die ‚normalen‘ jungen Leute. Als bräuchten wir nicht auch die Gewissheit, dass wir jemandem was bedeuten! Vielleicht sollte ich auch zu einem Problemfall werden!“, fauchte sie.

„Naja. Das bist du ja jetzt. Irgendwie.“, bemerkte Pepito trocken.

Da stutzte Amy und musste schmunzeln. Und plötzlich löste sich auch der letzte Rest ihrer Feindseligkeit Pepito gegenüber in Luft auf. „Wenn ihr morgen wieder reiten geht, komme ich mit“, verkündete sie. Und zu seiner eigenen Überraschung freute sich Pepito darüber.

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Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.