Father Alan fand Pepito schließlich hinter einer Scheune. Der Bursche saß am Boden, in sich zusammengesunken, als hätte ihn jegliche Kraft verlassen. Wortlos setzte sich der Priester zu ihm. Nach einer Weile sagte Father Alan: „Es tut mir leid, dass ich dir nicht schon früher gesagt habe, wer genau Amy ist. Erst schien es nicht wichtig, weil ihr einander nicht ausstehen konntet, und dann habe ich mich nur darüber gefreut, dass ihr beide aus euren Schneckenhäusern gekrochen seid.“

„Schon gut.“ Pepito klang unendlich müde. Heiser sagte er: „Vor ein paar Tagen hatte ich das Gefühl, als könnte es Gott doch geben. Als würde er sich was aus mir machen. Ich dachte, dass aus meinem Leben doch noch was Gutes werden könnte. War wohl eine Täuschung.“ Mutlos fuhr er fort: „Dass ich mich von Amy fernhalten soll, bis der Kerl gefasst ist? Das nehm ich dem General nicht übel. Ich will auch nicht, dass ihr was passiert, nur wegen mir. Aber er meint das eigentlich für immer. Weil ich am besten dort bleiben sollte, wo ich herkomme.“ Verzweifelt brach es aus ihm hervor: „Father, was soll ich nur tun?“

„Was Amy betrifft, warte erst einmal. Ansonsten, nun, Jim hat mir erzählt, dass du Park Ranger werden möchtest. Ich glaube auch, dass der Beruf das Richtige für dich sein könnte.“ Pepito schüttelte den Kopf. „Es hat keinen Sinn. Das schaff ich nie. Ich kann kaum lesen und schreiben.“ „Du kannst es lernen. Niemand behauptet, dass der Weg leicht ist. Aber wenn du wirklich hart arbeitest, dann schaffst du den Highschool-Abschluss. Und irgendwie wird auch das College möglich sein. Fass Mut, Pepito.“

„Wie soll ich das? Bis jetzt ist alles in meinem Leben schief gegangen.“ Er ließ den Kopf hängen. „Warum hasst Gott mich so sehr?“, flüsterte er kaum hörbar. Die Bitterkeit des Burschen, der immer wieder auf die verschiedenste Weise verraten worden war, rührte an das Herz des Priesters. Eindringlich sagte er: „Gott hasst dich nicht, Pepito. Ganz im Gegenteil. Jesus, der Sohn Gottes, wurde Mensch. Weißt du warum? Weil er dich so sehr liebt, dass er an deinem Leben teilhaben wollte. Er kennt alles, was dich ausmacht. Freudvolle und schmerzliche Momente, echte Todesangst, bis hin zum Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann: von denen, die man liebt, verraten, gefoltert und getötet zu werden. Das hat er alles durchgemacht, damit du in deinem schlimmsten Moment nicht allein bist. Er kann es nicht ertragen, nur von der Ferne zuzusehen, wie du leidest. Er ist bei dir. Jederzeit.“

„Ach ja? Warum merk ich dann nichts davon?“, fuhr Pepito wütend auf. „Vielleicht weil du’s nicht zulässt“, erwiderte der Priester sanft. „Aus Angst, dass er dich auch verrät und im Stich lässt. Und dann wäre wirklich alles aus. Es gab eine Zeit, da dachte ich genauso. Aber ich habe mich damals geirrt, und du irrst dich jetzt auch. Pepito, Gott will nicht, dass du als ein Scherbenhaufen vor dich hin vegetierst. Er will, dass du lebst! Nicht nur irgendwie. Er will, dass du zu einem Leben in Fülle findest. Geh zu Jesus, so wie du bist. Erzähl ihm deine Not. Alles das, was dich belastet und zu Boden drückt, kann er dir nehmen, und er wird dich aufrichten. Ganz gewiss lässt er dich nicht hängen.“

Abrupt verbarg Pepito sein Gesicht in den Händen. Father Alan legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. Geduldig harrte er bei ihm aus und betete im Stillen für ihn. Schließlich musste der Priester gehen, doch Pepito blieb noch in seinem Versteck. Es wurde still in ihm. „Jesus, ich hätte so gern ein neues Leben, aber ich weiß nicht, wie das gehen soll“, sprach er plötzlich leise. „Wenn es dich wirklich gibt, wenn dir wirklich etwas an mir liegt, dann hilf mir bitte!“ Angestrengt lauschte er in sich hinein, doch welche Art von Antwort er sich erwartete, wusste er selbst nicht, und seine drängende Bitte schien im Leeren zu verhallen.

Abrupt stand Pepito auf und ging zur Pferdekoppel. Sofort kam Plucky zu ihm. Die Zutraulichkeit der Stute spendete ihm Trost. Eine Weile streichelte er sie und sprach leise mit ihr. Da hörte er hinter ihm das Stapfen von Hufen. Verwundert drehte er sich um. In der Abenddämmerung machte er ein dunkelbraunes Pferd mit vier weißen Söckchen aus. Das war die Stute, die Amy ritt, wenn sie hier war. Bella war gesattelt, aber von Amy war nichts zu sehen. Ein tiefer Schrecken durchfuhr Pepito. Die Stute wirkte nervös. Wie er es bei Rick und Keith Trenton beobachtet hatte, sprach er beruhigend auf sie ein und näherte sich ihr ohne Hast. Schließlich bekam er den losen Zügel zu fassen und streichelte ihr den Hals. Das Fell war schweißnass. Pepito konnte erraten, was geschehen war: Irgendetwas hatte die Stute erschreckt und Amy war abgeworfen worden. In seiner Angst um das Mädchen kam er gar nicht auf den Gedanken, Hilfe zu holen. Stattdessen schwang er sich in Bellas Sattel.

„Du weißt sicher, wo Amy ist“, murmelte er. „Führ mich zu ihr!“ Eine Gestalt lag hinter dem Stall am Boden, das Gewehr im Anschlag, Pepito im Visier. Doch jetzt hob der gedungene Mörder den Kopf. „Das könnte interessant werden“, murmelte er. Er beobachtete Pepito lang genug, um zu erkennen, welche Richtung er einschlug, dann ging er zur Koppel und sattelte Plucky.

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.
Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.

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