Wie in einem Westernfilm war der Suchtrupp zu Pferd unterwegs zu Amys Lieblingsplatz. Der Park Ranger Jim Trenton hatte die Fährte gefunden und die Richtung bestätigt. Jetzt hielt sich niemand mehr mit Fährtenlesen auf. Jede Minute zählte. Father Alan betete stumm: ‚Behüte sie alle. Dass Amy nichts passiert. Und Pepito. Beschütze Sandro vor sich selbst.‘ Noch waren sie ein ganzes Stück von dem Ort entfernt, da knallte ein Gewehrschuss. Bald darauf ein zweiter. Niemand sprach ein Wort, doch trieben sie ihre Pferde noch mehr an.

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Pepito rappelte sich auf. Sein linker Arm hing nutzlos herab. Geduckt warf er sich gegen Sandros Körpermitte und brachte den größeren und viel schwereren Burschen zu Boden. Ein Schuss löste sich aus dem Gewehr, die Kugel grub sich harmlos in den Boden. Pepito griff mit der Rechten nach der Waffe, doch Sandro versetzte Pepitos verletzten Arm einen Fausthieb. Pepito verlor beinahe das Bewusstsein vor Schmerz, dennoch ließ er den Gewehrlauf nicht los. Mit der Kraft der Verzweiflung stieß er das Gewehr erst von sich und zog dann heftig an. Es gelang ihm tatsächlich, Sandro die Waffe zu entreißen. Schwankend kam Pepito auf die Beine. Sandro wollte ihn wieder niederziehen, doch Pepito wehrte ihn mit einem Fußtritt ab, beinahe verlor er dabei das Gleichgewicht. Mit letzter Kraft schwang er das Gewehr wie eine Keule und schlug mit dem Kolben gegen Sandros Schläfe. Da blieb der Bursche regungslos liegen. Schwer atmend starrte Pepito auf Sandro. Das Gewehr fiel ihm aus der Hand. Durch das Sausen in seinen Ohren hörte er Amys Stimme, aber was sie rief, konnte er nicht verstehen. Ihm wurde schwarz vor Augen und er brach zusammen.

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Nick erreichte die Lichtung als Erster. Beide Burschen lagen regungslos am Boden, das Gewehr zwischen ihnen. Amy kniete neben Pepito und versuchte verzweifelt, ihn auf den Rücken zu drehen, sein linker Arm lag unter ihm. „Pepito! Komm schon! Wach auf!“, weinte sie. „Ich kann dich nicht bewegen. Du verblutest mir noch!“ Unendlich erleichtert, seine Tochter am Leben zu sehen, sprang Nick vom Pferd. „Amy! Alles in Ordnung bei dir?“ Erst jetzt bemerkte sie ihn. „Daddy? O Gott, Daddy, hilf mir! Pepito ist verletzt! Ich glaube, er stirbt!“ Sie begann wild zu schluchzen und am ganzen Körper zu zittern. „Schon gut, mein Mädchen!“ Nick zog sie sanft von dem Burschen weg und half ihr, sich auf den Boden zu setzen. Dann kniete er sich sofort neben Pepito.

Inzwischen kamen auch die anderen Männer des Suchtrupps heran. Jim und Rick kümmerten sich um Sandro. Keith war damit beschäftigt, Plucky und Bella einzufangen; durch die Gewehrschüsse erschreckt, waren die beiden Stuten geflüchtet. Father Alan half Nick, Pepito umzudrehen, und richtete dann den Lichtstrahl seiner Taschenlampe auf den verletzten Arm. Mit seinem Messer schnitt Nick den blutdurchtränkten Ärmel auf und riss den Stoff weg. „Sieht übel aus“, murmelte er. „Der Oberarmknochen ist gebrochen. Die Kugel ist geradewegs da durchgegangen. Zum Glück hat der Mistkerl die Arterie nicht getroffen, sonst wäre der Junge jetzt schon tot. Rick, bringst du mir aus der Satteltasche das Erste-Hilfe Set?“

Als die Männer gemeinsam versuchten, die Blutung zu stillen, begann Pepito zu stöhnen. Die Schmerzen mussten unerträglich sein. Blinzelnd öffnete der Bursche die Augen, sein Blick war leer. Erst nach einer Weile erkannte er das über ihn gebeugte Gesicht, und dann fiel ihm ein, was geschehen war. Voll Panik versuchte er, sich aufzubäumen. „Oha. Immer mit der Ruhe. Bleib liegen, Kleiner!“ Nicks Stimme klang rau und sanft zugleich. „Amy! Ist s-sie … ist s-s-sie …?“, fragte Pepito mit schwacher Stimme. Wilde Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben und verzweifelt suchend irrte sein Blick umher, wieder kämpfte er darum, sich aufzusetzen. Mit sanftem Druck auf die gesunde Schulter versuchte Nick, ihn zu beruhigen. „Halt still! Amy geht’s gut. Sie ist vielleicht ein bisschen durcheinander, aber nicht verletzt.“

Tränen liefen Pepito aus den Augen. „Es tut mir so l-leid! Das ist alles m-meine Sch-schuld!“ Noch vor wenigen Stunden hätte Nick dem zugestimmt, doch jetzt erweichte das Elend des schwer verletzten Burschen sein Herz. „Unsinn, mein Junge. Nicht du hast die Waffe auf sie gerichtet.“ „Nein, du Idiot!“ Tränenüberströmt lächelte Amy dem Burschen zittrig zu. „Du hast mich beschützt und die Kugel für mich eingefangen. Du bist mein Held, Pepito, und mein Freund! Mein allerbester Freund.“ Da legte Nick sachte eine Hand auf Pepitos Kopf und lächelte unsicher. „So ist es. Du hast meiner Tochter das Leben gerettet. Danke!“

Father Alan stand daneben und schaute traurig auf den noch immer bewusstlosen Sandro. Es kam nicht oft vor, dass einer seiner Schützlinge erneut auf die schiefe Bahn geriet. „Ich geb dich trotzdem nicht auf“, murmelte er dem Burschen zu, auch wenn er es nicht hören konnte. Jim Trenton forderte per Satellitentelefon einen Rettungshubschrauber an. Wenig später stabilisierte die Rettungsmannschaft Pepito für den Transport ins nächstgelegene Spital. Sandro hatte durch den Schlag auf den Kopf eine Gehirnerschütterung erlitten und wurde ebenso ins Spital gebracht, stand dort allerdings unter Polizeibewachung. Erschüttert von den Ereignissen kehrten die Mitglieder der Trenton und McClaw Familien sowie Father Alan zur Ranch zurück.

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.
Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.

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