Es war still in der Stube der Ranch. Alle Anwesenden warteten darauf, dass General Nick McClaw das Wort ergriff. Ein wenig zerstreut dachte Nick, dass Father Alan manchmal immer noch wie ein Special Trooper klang. Besonders dann, wenn er von gewissen Ereignissen Bericht erstattete. Alltägliche Vorkommnisse in Nicks Berufsleben. Und doch seltsam, wie anders alles klang, wenn es die eigene Tochter betraf. „Dieser Pepito hat unsere Amy also in Gefahr gebracht?“, sagte er schließlich scharf.

Ein wenig erstaunt legte Father Alan den Kopf schief. „Doch nicht absichtlich. Der Junge steht auf der Abschussliste seines Bandenchefs. Ich dachte, hier draußen wäre er in Sicherheit. Dass der Arm von Luis Ortiz sogar so weit reicht, konnte niemand ahnen.“ „Trotzdem. Wegen Pepito ist Amy in die Schusslinie geraten.“ „Nein. Wegen Ortiz.“

Father Alans Stimme war ruhig, doch kannte Nick seinen Freund gut genug, um zu erkennen, wie zornig er war. Ungeduldig warf Nick die Hände in die Luft. „Das sind Spitzfindigkeiten. Warum zum Teufel hast du nicht eingegriffen, als Amy mit diesem Burschen Freundschaft geschlossen hat?“

„Warum hätte ich das tun sollen?“ erwiderte der Priester heftig. „Sie haben nichts Verbotenes gemacht. Bis jetzt hatten sie einander gutgetan. Oder meinst du, dass Pepito es wegen seiner Herkunft nicht wert ist, mit deiner Tochter auch nur zu reden? Das sieht dir nicht ähnlich.“

Nick wich der Diskussion aus. „Wie du schon gesagt hast, deutet alles darauf hin, dass einer deiner Heimbewohner der Schütze war.“ „Das Problem ist nur, dass keiner von ihnen lang genug unbeaufsichtigt war, um das Attentat auszuführen.“ Müde gab Father Alan zu: „Ich weiß, es ist unwahrscheinlich. Trotzdem hoffe ich immer noch, dass der Angreifer von außen kommt. Ein Auftragskiller vielleicht, der uns hierher gefolgt ist.“

„Ein Profi hätte den Auftrag schon längst erledigt“, wandte Nick ein und sprach nur aus, was Father Alan ohnehin wusste. „Was ist mit der Waffe? Bevor ihr vom Heim aufgebrochen seid, wurde doch sicher das Gepäck der Teilnehmer kontrolliert?“ „Das von den Burschen von mir persönlich“, bestätigte Father Alan. „Da war nichts. Bei den Mädchen hat Miss Pearle auch nichts Ungewöhnliches entdeckt. Sie war früher bei der Polizei, hat im Drogendezernat gearbeitet. Die kennt alle Tricks.“

„Ich kann euch sagen, wo das Gewehr her ist“, ergriff Gregg Trenton das Wort. „Jemand ist in meinen Waffenschrank eingebrochen. Ich hab’s nicht früher bemerkt, weil ich selten ein Gewehr brauche.“ Nick ging einige Male in der Stube auf und ab und blieb dann abrupt stehen. „Ich will mit Amy und Pepito gemeinsam sprechen.“ Father Alan ging los, um die beiden zu holen, doch an der Tür drehte er sich noch einmal um. „Sei nicht zu hart mit dem Burschen. Er hat schon viel durchgemacht.“

*

Pepito zwang sich, dem General fest in die Augen zu schauen. Auf der Straße überlebte man nur, wenn man keine Schwäche zeigte. Im Umgang mit Cops galt dasselbe Prinzip. Aber das hier war noch etwas ganz anderes: Er stand jetzt Amys Vater gegenüber. Zu seiner Überraschung konnte er weder Zorn noch Verachtung im Gesicht des Mannes lesen.

„Pepito, ich bin Nick McClaw.“ Er streckte die Hand aus. Erstaunt griff Pepito danach und die beiden tauschten einen festen Händedruck aus. „Setz dich. Ich habe gehört, was bei eurem Ausflug passiert ist.“

Pepito wich dem forschenden Blick des Generals nicht aus. „Es tut mir leid wegen Amy. Ich wollte nicht, dass sie meinetwegen in Gefahr gerät.“ Nick musterte den Burschen. Er war nicht unsympathisch. Und so wie er sich diesem Gespräch stellte, zeigte er Rückgrat. Dennoch. Ein Bandenmitglied aus dem Ghetto und seine heißgeliebte Amy? Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ.

„Warst du schon einmal im Knast?“, fragte Nick. Es gab dem Burschen einen Stich. Er wusste genau, worauf Amys Vater abzielte. „Im Jugendknast. Z-zweimal.“ „Weswegen?“ „Das erste M-mal war’s ein L-ladendiebstahl. D-dann ein Raubüberf-fall.“ Aus dem Augenwinkel heraus sah Pepito, wie Amy ihn entsetzt anstarrte. Davon hatte er ihr noch nichts erzählt.

Die Trostlosigkeit in den Augen des Burschen berührte Nick. Auch war ihm nicht entgangen, wie sich seine Sprachschwierigkeiten verschlimmerten. Fast bereute er es, dass er Pepito zu diesem Geständnis gezwungen hatte. Father Alans vorwurfsvollen Blick konnte er förmlich spüren. Dann fiel sein Blick auf die Tätowierung auf der Hand des Burschen, ein klares Bekenntnis zur Gang. Sein Entschluss festigte sich wieder. Er musste Amy schützen. 

Nicht unfreundlich, aber dennoch fest sagte Nick: „Solange derjenige nicht gefasst ist, der hinter den Anschlägen steckt, hältst du dich von meiner Tochter fern. Ist das klar?“ „Ja, Sir.“ Pepito verließ das Zimmer. Amy sprang auf und starrte ihren Vater voll Zorn und Schmerz an. „Das war gemein! Er ist jetzt bei Father Alan im Heim. Da macht er sowas nicht mehr. Er hat gute Pläne für sein Leben. Aber wie soll er es schaffen, wenn ihm niemand eine Chance gibt?“ Sie begann zu schluchzen, lief aus dem Zimmer und knallte die Tür zu.

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.
Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.

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