In jeder heiligen Messe begegnen wir Gott ganz real. Hier öffnet sich sozusagen das Tor zum Himmel. Gott ist wirklich da. In dieser Serie zeigen wir dir, wie die Messe für dich zu dieser geheimnisvollen Begegnung werden kann.

Text: Michi Cech und P. Thomas Figl

Jesus schenkt uns den Frieden. Eben haben wir einander den Frieden Jesu im Friedensgruß weitergegeben. Nun folgt das Lamm Gottes. Hast du dich nicht auch schon mal gefragt, warum da jetzt ein Lamm vorkommt? Was macht das Lamm in der Messe? Wer oder was ist dieses Lamm Gottes?

Ein Lamm, so ein junges Schäfchen, hat vor allem eine besondere Eigenschaft: Es ist sanft und lieb. Es ist so etwas Friedliches. Wer schon einmal im Streichelzoo war, wird das bestätigen können. Vor so einem Lämmchen schmilzt das härteste Herz. Und doch erleben wir hier bei der Messe ein ganz anderes Szenario. Dieses Lamm, das Lamm Gottes, welches niemandem etwas zuleide tut, wird brutal geschlachtet. Es wird zum Opferlamm. Wie passt das alles zusammen? Der Friede, das Lamm, das Opfer, der Tod, die Sünde? Wir beten: Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser. Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

Dieses Lamm Gottes ist Jesus Christus. In diesem Ausdruck, in diesem Bild, stecken ganz viel Inhalt und symbolische Bedeutung. Die Bibel spricht nämlich sehr oft von einem Lamm. Und so war es für die Menschen von damals voller Bedeutung, als Johannes der Täufer auf Jesus zeigte und sagte: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt!“ Es war sofort klar, was gemeint war. Der Priester sagt es heute genauso in der Messe. Aber wir müssen den Sinn davon erst entdecken.

Im Judentum zur Zeit Jesu waren die Opfer von Tieren ein wichtiger Punkt der Religion. Im Tempel wurden die Opfertiere geschlachtet. Ein Grund dafür war die Wiedergutmachung für die Sünden. Man brachte damit zum Ausdruck, dass Sünden schwerwiegende Dinge sind, dass sie letztlich zum Tod führen, innerlich tot machen.

Ein besonderes Opfer war die Schlachtung von Lämmern zum Paschafest. Das erinnerte an die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Einmal im Jahr brachte jede Familie zu diesem Fest ein Lamm zum Tempel, welches dort geschlachtet wurde, um an den Auszug aus Ägypten zu denken. Denn damals sollten die Israeliten das Blut des Lammes an die Türpfosten streichen, um vom Todesengel Gottes verschont zu bleiben. Bei den Ägyptern starb jedoch jeder Erstgeborene. Das war der Grund, warum sie der Pharao schließlich aus der Sklaverei entließ. Das Schlachten der Lämmer, das Paschafest, das Blut am Türpfosten, all das hatte für die damaligen Juden etwas mit dieser großen Befreiung zu tun. Und dann, bei einem Paschafest, genau zu der Stunde, an der im Tempel das Schlachten der Lämmer begann, war auf einem Hügel neben dem Tempel ein Kreuz errichtet, an dem ein Unschuldiger gleichsam geschlachtet wurde, sein Blick auf den Tempel gerichtet, sein Blut am Pfosten des Kreuzes verströmt. „Seht das Lamm Gottes!“ – das musste sich der Jünger unter dem Kreuz gedacht haben. Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.

Die Sünde macht uns unfrei in unserem Herzen. Wie oft sind wir Sklaven von unseren Fehlern und unseren falschen Neigungen. Durch seinen Tod, dadurch dass er für uns zum Opferlamm geworden ist, hat Jesus diese Sklaverei vernichtet. Denn seine Methode ist die des Lammes. Gott möchte uns durch dieses Symbol des Lammes sagen, wie er das Schlechte in der Welt besiegt. Er kommt nicht mit Panzer und Raketen. Er kommt als Lamm. Er lässt sich schlachten. Weil er uns durch seine Liebe gewinnen will, nicht durch Macht und Gewalt. Seine Methode ist das Lamm.

Der Jünger, der unter dem Kreuz gestanden ist, war der hl. Johannes. Als er viel später in seiner großen Vision die Zukunft der Kirche sieht, trifft er wieder auf das geschlachtete Lamm. Wir lesen darüber ganz genau in der Geheimen Offenbarung, im letzten Buch der Bibel. Dieses Lamm blutet. Es hat sein Leben hingegeben, um „die Menschen für Gott zu erwerben“. So beschreibt es Johannes da. Es ist das Lamm, in seiner Sanftheit und Schwachheit, das letztlich siegen wird.

Jesus ist dieses Lamm. Jetzt hier gegenwärtig vor uns in der Gestalt des Brotes, der Hostie. Schwach, ausgeliefert, angreifbar. Und hier ist der Augenblick, wo der Priester das Brot bricht. Jesus lässt sich brechen, gibt sich hin, für uns, in jeder heiligen Messe. Unblutig, in der Gestalt des Brotes, dennoch Hingabe. Jeden einzelnen von uns möchte er für sich gewinnen. Der Priester nimmt ein ganz kleines Stück der Hostie und gibt es in den Kelch. Dabei spricht er leise: „Das Sakrament des Leibes und Blutes Christi schenke uns ewiges Leben.“

Wir sind nun auf unseren Knien. Wir knien vor dem Gott, der sich für uns zum Lamm gemacht hat. Das ist die Dynamik und die radikale Revolution unseres Glaubens: Den Sieg und das ewige Leben erhalten wir, indem wir uns vor Gott und voreinander klein machen, weil auch Gott sich klein vor uns macht. Das bedeutet es, wenn Johannes in der Offenbarung die Menschen siegen sieht, die ihre Gewänder „im Blut des Lammes weiß gemacht haben.“ Niemand, der seine Sache mit Aggression und Gewalt durchsetzen will, wird ans Ziel kommen. Nur das Lamm wird siegen.

Oft haben wir Angst, uns auf Gott einzulassen, weil wir dann denken, dass wir dann nicht mehr tun dürfen, was wir ersehnen, weil wir glauben, dass Gott uns unterdrücken will. Das Lamm sagt uns jedoch, wie Gott zu uns kommt, als Lamm, still und leise, bereit sich für uns zu opfern, damit wir das volle Leben haben.

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