Wahr ist: Niemand von uns möchte belogen werden. Und doch stellt sich die Frage: Gibt es die Wahrheit überhaupt?

Text Debbie Werner, Michi Cech

„Die Wahrheit über Corona, die Wahrheit über GNTM, die Wahrheit über Avocados…“ Schlagzeilen wie diese leben davon, irgendwo „die eigentliche Wahrheit“ aufzudecken, das zu zeigen, was wirklich Sache ist. Aus irgendeinem Grund interessiert uns das. Wir können uns nicht damit abfinden, wenn jemand falsche Informationen verbreitet oder vorgibt zu sein, was er nicht ist. Und natürlich spielt Wahrheit eine zentrale Rolle in unseren Beziehungen und Freundschaften. Wenn wir bemerken, dass wir belogen werden, verletzt das ungemein und Beziehungen können kaputtgehen.

Die Frage nach der Wahrheit beschäftigt die Menschheitsgeschichte schon seit Jahrhunderten. Auch auf der Suche nach den ganz großen Fragen: Was ist der Beginn des Lebens? Gibt es einen Sinn? Gibt es Gott? Gerade aktuell in dieser Corona-Zeit werden solche Fragen wieder vermehrt gestellt. Ist unser Leben, so wie wir es bisher geführt haben, in der Wahrheit?

Was ist die Wahrheit? Ist es das, was wir in den Medien lesen? Was Wissenschaftler oder Politiker sagen, oder ein Influencer? Oder noch wichtiger: Kann überhaupt etwas wahr sein, kann man „die Wahrheit“ überhaupt wissen? Ist die Wahrheit für jeden gleich oder hat jeder seine eigene Wahrheit? Auch wenn im persönlichen Umgang jedem von uns total wichtig ist, dass der andere die Wahrheit sagt, bezweifeln eher viele Menschen heute, dass es so etwas wie „die Wahrheit“ eigentlich gibt. Alles sei relativ. Vor allem in Fragen nach Sinn, Religion und Glauben. Aber kann es für verschiedene Menschen verschiedene Wahrheiten geben, wenn sich diese widersprechen? Sicherlich möchte niemand von uns einer Lüge glauben, wenn er wüsste, dass es eine Lüge ist.

Es ist wahr – in vielen Bereichen ist es oft schwierig oder manchmal sogar unmöglich, die ganze Wahrheit herauszufinden. Aber die Wahrheit ist, dass es eine Wahrheit gibt, nämlich die Wirklichkeit, eben wie sie wirklich ist. Und es macht einen großen Unterschied auf unser Leben, auf die kleinen und großen Entscheidungen in unserem Alltag, ob wir die Wahrheit in den Dingen suchen oder uns nur mit den tausend Meinungen zufriedengeben.

Was ist also die Wahrheit? Wir wollen diese Frage nun ein kleines bisschen philosophisch angehen. In der Philosophie findet man hier nämlich ein paar interessante Konzepte, sogenannte Wahrheitstheorien, die man vor Augen haben sollte, um auf der Suche nach der Wahrheit erfolgreich zu sein.

Die Korrespondenztheorie

Die Korrespondenztheorie besagt, dass die Wahrheit eine Übereinstimmung eines Gedankens mit der Realität ist. Eine Meinung, ein Satz, eine Äußerung ist also dann wahr, wenn er der Realität entspricht (mit der Realität korrespondiert). Die Korrespondenztheorie geht davon aus, dass ein subjektiver Gedanke in einer objektiven Welt entweder wahr oder falsch sein kann. Ein Beispiel: Mein Gedanke, dass vor meinem Haus ein Baum steht, ist nur dann wahr, wenn da tatsächlich ein Baum steht. Es muss also einen Zusammenhang zwischen meinem Gedanken und der Welt geben. Wenn der Zusammenhang gegeben ist, also wenn da wirklich ein Baum steht, ist mein Gedanke wahr. Die Wahrheit einer Aussage, muss also durch Beobachtungen der Realität geprüft werden. Diese Theorie stammt von Aristoteles. Andere Vertreter sind Thomas von Aquin und Immanuel Kant. 

Der Relativismus

Eine heutzutage weit verbreitete Ansicht ist die Wahrheitstheorie des Relativismus. Der Relativismus sagt, dass es im Grunde mehrere Wahrheiten geben kann. Alles, was ein Mensch für wahr befindet, das ist auch für ihn wahr. Dieser Ansatz in der Wahrheitssuche kommt von einem antiken Philosophen namens Protagoras, der in der Zeit des Sokrates (also ca. 400 v. Chr.) lebte. Protagoras ist sogar für diese Lehre berühmt geworden und seine Anhänger diskutierten eifrig nach seinem Tod weiter, um den sogenannten „Homo-Mensura-Satz“ zu verteidigen. Der Homo-Mensura-Satz besagt, dass der Mensch (Homo) das Maß (Mensura) aller Dinge ist. Also befindet ein Mensch etwas für wahr, falsch, gut oder schlecht, so gilt diese Ansicht und ist wahr für ihn. Die Wahrheit wird somit relativiert. Erstaunlicher Weise ist dieses Prinzip, das über 2400 Jahre alt ist, heute sehr aktuell. Man gibt sich damit zufrieden, dass jeder seine eigene Wahrheit haben kann, und hört letztlich auf, die echte Wahrheit in den Dingen zu suchen.

Der Satz vom Widerspruch

In der Geschichte der Philosophie kam nach Protagoras etwa hundert Jahre später Aristoteles, der den „Satz vom Widerspruch“ zu Papier bringt. Dieser klingt eigentlich ganz selbstverständlich, ist aber, wenn man es genau durchdenkt, eine bahnbrechende Erkenntnis. Der Satz vom Widerspruch besagt, dass eine Sache nicht sie selbst und ihr Gegenteil zugleich sein kann. Ein mathematisches Beispiel wäre „a“ kann nicht gleich „nicht a“ sein. Der Satz erklärt also die Unmöglichkeit von Widersprüchen und widerlegt damit Theorie vom Relativismus, wo Wahrheit etwas Subjektives wäre, was jeder selbst definieren kann. Die Aussage „Es gibt keine Wahrheit“ ist nämlich ein Widerspruch in sich selbst. Was man eigentlich mit dieser Aussage vermittelt ist: „Es gibt keine Wahrheit und das ist wahr.“ Man stellt also einen Wahrheitsanspruch an die Aussage, die ausdrückt, dass es keine Wahrheit gibt. In der Philosophie nennt man dieses Phänomen einen „performativen Selbstwiderspruch“. 

Die Wahrheit suchen

Hören wir niemals auf, die Wahrheit zu suchen! Es gibt gerade aktuell so viele Themen, wo wir diskutieren und suchen müssen, wo die Wahrheit wirklich liegt. Denn es hat konkrete Konsequenzen, wie wir leben. Wir erleben das gerade beim Thema Corona. Wo liegt hier die Wahrheit? Die Antwort darauf hat ja Auswirkung auf jeden einzelnen. Aber genauso gibt es andere große Themen, wie etwa Klimawandel, Abtreibung, Glaube, Lebenssinn oder auch die Genderfrage – wo wir wirklich die Wahrheit suchen müssen. Heute erleben wir oft, dass sehr viele Menschen nur der Meinung des „Mainstream“ folgen, ohne zu hinterfragen, wo wirklich die Wahrheit in diesen Dingen liegt, und jeder, der die offizielle Meinung hinterfragt, wird schnell als „Leugner“, „intolerant“, „irgendwas-phob“ zum Schweigen gebracht. Vielleicht müssen wir wieder neu lernen, in einer positiven Art zu streiten und zu diskutieren, andere Meinungen anzuhören und zuzulassen, um gemeinsam als Menschen der Wahrheit näherzukommen.