Ein böser Streich

Pepito stattete der Stute Plucky noch einen Abendbesuch ab. Für den nächsten Tag war der erste Ausritt im freien Gelände geplant und Pepito freute sich schon sehr darauf. Noch mehr freute er sich darüber, wie Plucky gleich zu ihm gekommen war, als er sich an den Koppelzaun stellte. Er fütterte sie mit einem Apfel, streichelte sie und redete leise mit ihr. Auf dem Weg zurück zur Unterkunft lief es ihm plötzlich kalt über den Rücken. Der Instinkt, den er sich auf der Straße erworben hatte, warnte ihn, dass ihm jemand folgte. Kampfbereit drehte er sich um, doch dann entspannte er sich wieder. Es war Amy McClaw, die Nichte von Gregg Trenton, die von zuhause ausgerissen war. 

Sie machte aus ihrer Feindseligkeit ihm gegenüber kein Hehl. Aus schmalen Augen musterte sie ihn abschätzig. „Du hast den anderen sicher schon erzählt, was du belauscht hast.“

Pepito sah sie irritiert an. „Hab ich nicht. Warum sollte ich? Außerdem hab ich nichts belauscht. War nur zufällig dabei, wie du gekommen bist.“ 

Ihr Blick wurde noch kälter. „Dann halt weiterhin den Mund. Was ich mache, geht nämlich niemanden was an. Am wenigsten euch ‚Feriengäste‘.“

Bei der verächtlichen Betonung des Wortes fühlte sich Pepito zum ersten Mal wie ein Eindringling auf der Ranch. „War’s das? Dann lass mich in Ruhe.“ Er drehte sich um und ging davon.

Am nächsten Tag setzte sich die Reitertruppe in Bewegung, die zwölf Anfänger standen unter der Aufsicht von Gregg Trenton, zwei seiner Neffen und Father Alan. Nach einer Weile fiel Father Alan auf, dass Pepito etwas zurückgefallen war; offensichtlich bereitete ihm die Stute Schwierigkeiten. Überrascht wollte Father Alan soeben umkehren, um dem Burschen beizustehen, als Plucky zu bocken begann. Beim ersten Sprung konnte sich Pepito gerade noch halten und plumpste ungeschickt in den Sattel zurück. Da ging die Stute richtig los und Pepito sauste im hohen Bogen durch die Luft. Schwer kam er am Boden auf und blieb liegen. Er hatte das Bewusstsein nicht verloren, war aber im ersten Moment ziemlich verwirrt. Nur vage bekam er mit, wie sich Father Alan besorgt über ihn beugte, Gregg kniete an seiner anderen Seite. „Pepito! Bist du verletzt? Kannst du dich bewegen?“

„Is‘ schon gut. Mir ist nichts passiert“, murmelte Pepito, noch bevor er sich dessen sicher war. Mühsam setzte er sich mit Hilfe des Priesters auf. Er fühlte sich schrecklich beschämt, dass ihn die sonst so friedfertige Stute abgeworfen hatte. Die ganze Gruppe war zum Halten gekommen und die Heimbewohner schauten teils belustigt, teils ungeduldig zu. Rick Trenton, ein Neffe von Gregg, hatte Plucky eingefangen, streichelte sie und sprach beruhigend auf sie ein.

„Das sieht Plucky nicht ähnlich, so zu bocken“, stellte Gregg verwundert fest. „Sonst würde ich sie doch nie Anfängern zumuten.“ Er beobachtete die Stute. „Sie hat sich jetzt noch nicht beruhigt, obwohl sie niemanden mehr trägt. Da ist irgendetwas faul.“ 

Wortlos ging Father Alan zu Plucky hinüber und nahm ihr den Sattel ab, danach die Satteldecke. Da warf sie den Kopf noch einmal hoch und schnaubte heftig, wie um ihrer Empörung Luft zu machen, im nächsten Moment stand sie lammfromm still, als wäre nie etwas geschehen. Father Alan kam zu Gregg und Pepito zurück. Von der Unterseite der Satteldecke zog er ein stacheliges Knäuel aus Kletten. Alle drei starrten wortlos darauf. Steif rappelte sich Pepito hoch und ging auf wackligen Beinen zur Stute, sein Gesicht wirkte finster und verschlossen. Gespannt beobachteten ihn die beiden Männer. Gregg wollte dem Burschen schon nach, doch der Priester hielt ihn zurück.

„So ein Schock bringt oft zum Vorschein, was in einem Menschen wirklich steckt“, murmelte Gregg beunruhigt. „Es gibt Leute, die lassen ihren Frust an Schwächeren oder an Tieren aus und geben ihnen die Schuld für das, was passiert ist.“

„Rick gibt schon acht, dass er Plucky nichts antut“, murmelte Father Alan ebenso leise zurück, ohne den Blick von dem Burschen zu lösen.

Pepito hatte die Stute erreicht. Sachte zog er ihren Kopf zu sich hinunter, streichelte ihre Kinnbacke und lehnte seine Stirn an die ihre. Mit rauer Stimme und doch zärtlich sprach er: „Es tut mir so leid, Mädchen. Ich wollte dir nicht wehtun. Du warst von Anfang an unruhig. Da hätte ich wissen müssen, dass was nicht stimmt. Von jetzt an passe ich besser auf dich auf. Das verspreche ich dir.“

Gregg und Father Alan sahen einander mit leuchtenden Augen an. Der Priester klopfte dem Burschen auf die Schulter. „Es ist nicht deine Schuld, Pepito. Die Kletten sind nicht von selber unter die Satteldecke gekrochen.“

Pepito wandte sich ihm rasch zu. „Jemand hat das mit Absicht getan? Um Plucky wehzutun?“, fragte er ungläubig und wütend.

Gregg schüttelte den Kopf, seine Augen funkelten vor Zorn. „Eher um dir wehzutun. Es ist ein alter Trick. Ein ganz gemeiner Streich. Du hast Glück, dass du mit dem Schrecken davongekommen bist, Kleiner. So ein Sturz hätte dich das Leben kosten können. Wenn ich den Schuldigen finde, dem wird Hören und Sehen vergehen!“

Traurig und frustriert blickte Pepito zu Boden. Nicht einmal hier war er sicher. 

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Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.