Die Ranch

„Ausgezeichnet, Pepito. Du machst das wirklich sehr gut! Bist ein echtes Naturtalent, mein Junge!“

Am Koppelzaun angelangt, stieg Pepito vom Pferd und klopfte der erdfarbenen Stute den Hals. Plucky war nicht besonders groß, aber ausdauernd und wendig, dazu besaß sie ein ruhiges Wesen und zeigte sich besonders bei Anfängern sehr geduldig. 

Die Augen des Burschen leuchteten. Die Anerkennung von Gregg Trenton bedeutete ihm viel. „Sie ist eine gute Lehrerin“, wehrte er das Lob dennoch ab. Plucky legte ihren Kopf auf seine Schulter und Pepito drückte seine Wange an die ihre.

Wohlwollend schaute der Sechzigjährige auf den Jungen. „Das ist schon richtig. Aber selbst der beste Lehrer braucht willige Schüler. Du lernst bemerkenswert schnell. Und Plucky mag dich echt.“

Ein dankbares Lächeln legte sich auf Pepitos Gesicht, als hätte Gregg ihm das kostbarste Geschenk gemacht. „Ich mag sie auch“, sagte er schroff, fast als schämte er sich für seine Gefühlsregung. Er machte sich daran, Plucky zu versorgen, wie er es gelernt hatte. 

Father Alan kam herzu. Er kletterte auf den Koppelzaun und setzte sich neben Gregg. Entspannt schwiegen die beiden. In aller Ruhe stopfte sich der ältere Mann seine Pfeife und rauchte sie an. Gregg war der Boss des Trenton-Outfits. Gemeinsam mit seinen Halbbrüdern Mark und Matt und deren Familien führte der Junggeselle die Rinderfarm. Der jüngste der Brüder, Jim, arbeitete als Park Ranger im nahegelegenen Nationalpark. 

Father Alan deutete mit dem Kopf in Richtung des Burschen. „Wie macht er sich?“

„Erstaunlich gut. Wie lange seid ihr da? Eine Woche? Er wirkt jetzt schon wie ein Fisch im Wasser. So verschlossen und misstrauisch, wie er am ersten Tag war, hätte ich mir das nie gedacht.“

Father Alan nickte. „Ich hatte gehofft, dass ihm die Ferien hier guttun würden. Aber ich bin auch erstaunt, wie schnell er in der kurzen Zeit aufgeblüht ist.“

Mit der Pfeife in der Hand beschrieb Gregg einen weiten Bogen. „Ich habe schon oft beobachtet, wie heilsam sich die Gegend hier auf deine jungen Leute auswirkt. Aber so rasch wie Pepito ist noch kaum einer in den Umgang mit den Tieren hineingewachsen. Es sind nicht nur die Tiere. Er hat überhaupt einen starken Zugang zur Natur und entdeckt hier eine völlig neue Welt. Ihm auf seiner Reise zuzusehen ist die reinste Freude.“

Pepito war mit seiner Arbeit fertig. Gemeinsam gingen die drei in Richtung des Hüttendorfs, wo die Heimbewohner untergebracht waren, etwas abseits von den Hauptgebäuden der Farm. Die beiden Männer unterhielten sich über Farmangelegenheiten und Pepito hörte interessiert zu. 

Unterwegs spürte Father Alan sein Handy in der Hosentasche vibrieren. Er warf einen Blick aufs Display und zog überrascht die Brauen hoch. Rasch nahm er den Anruf entgegen. „Hey, Nick. Wie geht’s? Hast du Lust auf einen idyllischen Urlaub am Land?“

„Nicht im Moment“, erwiderte sein bester Freund, General Nicholas McClaw, der Leiter der Special Troops. Seine Stimme klang angespannt. „Ist Amy bei euch aufgetaucht?“

„Amy?“ Das war die Tochter von Nick und Mary, Greggs Halbschwester. Die Familie lebte inzwischen in der Nähe von Washington, D.C. „Nein, ich hab sie nicht gesehen.“ Fragend sah er zu Gregg hin, der schüttelte den Kopf. „Wollte sie hierherkommen?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist verschwunden.“

„Was? Seit wann?“ Der scharfe Tonfall des Priesters schreckte Gregg und Pepito aus der Zufriedenheit des Nachmittags auf, auch wenn der Bursche keine Ahnung hatte, worum es hier ging. 

„Mary hat sie das letzte Mal gestern Nachmittag gesehen.“ Nick seufzte. „Amy ist momentan ein wenig schwierig. Es gab einen Streit und sie ist davongelaufen.“

„Konntest du ihr Handy anpeilen?“

„Aber klar doch. Das lag fein säuberlich auf der Damentoilette in einem Kaufhaus versteckt.“ 

Father Alan verzog das Gesicht. „Die wahre Tochter eines Special Troopers. Kennt alle Tricks.“

„Leider. Vielleicht könntest du das eine oder andere Gebet sprechen, dass ich sie bald finde. Und dass ihr nichts passiert.“

„Das mache ich ganz sicher“, versprach Father Alan und legte auf. Er und Gregg tauschten einen besorgten Blick aus, wollten aber vor Pepito nicht darüber reden. Aus der Hälfte des Gesprächs, das er gehört hatte, konnte der Bursche ohnehin erraten, was passiert war.

Sie waren schon fast beim Hauptgebäude angelangt, als das Auto eines Nachbarn der Trentons vorfuhr und stehenblieb. Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen – schlank und fast so groß wie Pepito – stieg aus. „Danke fürs Mitnehmen, Mr. Graham!“, rief sie und schlug die Tür zu, dann fuhr der Wagen wieder davon. 

Father Alan und Gregg starrten sie verblüfft an. Sie erwiderte die Blicke der Männer trotzig. Schnell hatte sich Alan wieder gefasst und zückte sein Handy. „Nick? Amy ist soeben hier aufgekreuzt. Sie wirkt gesund und munter. Hätte sie allerdings kaum erkannt mit den kurzen grünen Haaren.“

„Gott sei Dank“, erwiderte Nick, unaussprechlich erleichtert. „Grüne Haare sagtest du? Und kurz? Davon wusste ich noch nichts. Egal. Hauptsache, es geht ihr gut.“

Gregg wandte sich zu Pepito. „Das ist meine Nichte Amy McClaw. Pepito Ruiz, einer meiner Feriengäste.“

Pepito betrachtete Amy kritisch und sie bedachte den Burschen mit einem kühlen Blick voller Abneigung.

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Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.