Das Heim

„…Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt’s zu fixen Zeiten im großen Speisesaal. Falls du dazwischen Hunger hast, findest du dort auch immer was. Mittags und abends essen wir gemeinsam mit den Mädels, zum Frühstück sind wir jeweils unter uns. Mädels und Jungs haben eigene Wohnbereiche, die sind streng voneinander getrennt, da gibt’s keine Kompromisse. Aber wir haben auch Gemeinschaftsräume für alle.“ 

Der sechzehnjährige Alex, ein langer und schlaksiger Latino, führte Pepito durchs Haus. Er war dem Neuling als „Buddy“ zugeteilt und würde sich in der Eingewöhnungsphase um ihn kümmern. Alex bemerkte, dass Pepito sich nah an der Wand entlang bewegte, sein Blick schweifte unentwegt wachsam umher. Er war auf der Hut vor möglichen Angriffen. So verhielten sich fast alle, die neu hier ankamen. Alex ging vorerst nicht darauf ein. Pepito würde ohnehin bald mitbekommen, dass es hier anders ablief als auf der Straße oder im Knast.

Ein paar afroamerikanische Burschen kamen ihnen im Korridor entgegen, sie unterhielten sich miteinander und beachteten die beiden kaum. Einer aus der Gruppe blickte beiläufig zu ihnen hin, da ging es wie Erschrecken über sein Gesicht.

Pepito blieb abrupt stehen. „Ken! Endlich krieg ich dich!“, stieß er hervor. Schon wollte er sich auf den Burschen stürzen, doch da packte ihn Alex bei den Schultern und drückte ihn fest an die Wand. Den anderen Heimbewohnern rief er zu: „Geht weiter. Ich regle das.“

„Lass mich los“, zischte Pepito. „Ken ist von der 40th. Er schuldet mir was. Das zahl ich ihm heim!“

„Komm wieder runter. Hier laufen die Dinge anders. Father Alan hat dir die Regeln schon erklärt: Gangzugehörigkeiten spielen keine Rolle. Was draußen passiert ist, hat keine Bedeutung. Alte Feindschaften gelten nicht. Das Heim ist eine neutrale Zone. Hältst du dich nicht daran, musst du weg von hier und du kommst in den Knast. Willst du das?“

Pepito starrte ihm wütend in die Augen, doch Alex ließ sich nicht seinerseits zum Zorn reizen und erwiderte den Blick mit ruhiger Festigkeit. Schließlich knurrte Pepito: „Na gut. Ich hab’s verstanden. Kannst mich loslassen.“

Schweigend gingen sie weiter. Nach ein paar Minuten fragte Pepito: „Funktioniert das wirklich? Die neutrale Zone?“

„Meistens, ja. Es dauert eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat. Zwei, drei Wochen. Dann wird’s selbstverständlich. Mehr noch. Mein bester Kumpel hier ist ursprünglich aus einer verfeindeten Gang.“ Alex grinste. „Das hätte ich mir draußen nie und nimmer vorstellen können. Lieber hätte ich mir selber eine Hand abgehackt. Aber hier im Heim ist der ganze Mist wirklich nicht mehr wichtig.“ 

Pepito schnaubte spöttisch. „Hier drin gibt’s also nie Zoff? Das kauf ich dir nicht ab.“

Da musste Alex lachen. „Natürlich streiten wir auch. Father Alan sieht das recht gelassen. Der meint, das gehört zum Leben dazu. Wir müssen lernen, mit Konflikten umzugehen. Versöhnung ist das Stichwort.“

„Versöhnung? Blödsinn!“, bemerkte Pepito verächtlich. „Das passt nur für Schwächlinge.“

Alex warf ihm von der Seite her einen amüsierten Blick zu. „Meinst du? Es ist genau das Gegenteil. Wirst schon draufkommen.“

Schließlich erreichten sie den dritten Stock, der Korridor wirkte hell und freundlich. Alex führte den Neuen zur zweiten Tür auf der rechten Seite. „So, da wohnst du jetzt.“ 

Pepito hatte einen Schlafsaal erwartet. Stattdessen lag hinter der Tür eine kleine Wohneinheit. Es gab einen Vorraum mit Garderobe, eine Tür rechts führte in ein Badezimmer und gegenüber der Eingangstür lagen zwei Einzelzimmer. 

„Dir gehört das rechte Zimmer, das meine ist daneben“, verkündete Alex und öffnete die Tür zu Pepitos Zimmer. Darin stand ein Bett, davor ein schmaler Holzschrank. An der Wand über dem Bett waren Regale angebracht. Beim Fenster befand sich ein Schreibtisch mit einem Stuhl, in der Ecke daneben ein bequemer Sessel samt einer einfachen Stehlampe.

„Ich lass dich jetzt eine Weile allein. Wenn du was brauchst oder irgendeine Frage hast, dann komm zu mir hinüber.“ Alex ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Pepito sah sich näher um. Das Zimmer war kaum größer als eine Einzelzelle im Knast, bot jedoch willkommene Privatsphäre. Die Möbelstücke wirkten gebraucht, sahen aber sauber und gepflegt aus. Das Bett war frisch überzogen und auf dem Polster lag sogar ein kleiner Willkommensgruß: ein Schokoriegel. Der Kontrast zu dem Abbruchhaus ohne Elektrizität und Fließwasser, wo er in den letzten Monaten gehaust hatte, konnte kaum größer sein. So übel war es hier ja gar nicht. 

Sein Blick fiel auf die tätowierte Zahl 68 auf der rechten Hand, und es gab ihm einen Stich. Alte Feindschaften sollten hier bedeutungslos sein? Und das Gelaber von Versöhnung? Absoluter Schwachsinn! Niemals würde er sich mit Rodrigo versöhnen.

Aber noch war der Zeitpunkt für Vergeltung nicht gekommen. Und wenn Pepito eines im Leben gelernt hatte, dann war es das: Gutes war nie von langer Dauer. Zumindest für den Moment konnte er den Luxus, der ihm so unerwartet zugefallen war, voll auskosten. 

Pepito packte den Rucksack aus. Als seine wenigen Habseligkeiten am Bett lagen, fiel es ihm plötzlich auf. Hastig durchwühlte er alles und drehte den Rucksack dreimal um. Verdammt! In der Hektik musste er vergessen haben, es einzustecken! Er musste so bald wie möglich zurück!

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Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.