Flucht

Wenige Tage nach seiner Ankunft im Heim kostete Pepito die Dusche in der luxuriösen Umgebung gehörig aus. Sein Buddy Alex klopfte ungeduldig an die Tür. „He, mach weiter! Ich hab heute noch was vor!“

„Bin gleich fertig!“, rief Pepito zurück, beeilte sich aber nicht sonderlich. Er betrachtete sich im Spiegel. Die nassen schwarzen Haare standen wirr vom Kopf weg, die Oberlippe zeigte einen starken dunklen Bartflaum. Auf Schultern und Armen schlängelten sich kunstvolle Tätowierungen. Er fletschte die Zähne und betrachtete sie aufmerksam, doch der Anblick beruhigte ihn; sie waren strahlend weiß. Nie würde er die verfaulten Zahnstummel seiner drogensüchtigen Mutter vergessen. Dazu würde er es nie kommen lassen, das hatte er sich seinerzeit geschworen. Aber wahrscheinlich würde er die heutige Nacht ohnehin nicht überleben. Das war egal, wenn er nur vorher durchziehen konnte, was er sich vorgenommen hatte. Im Spiegel blickten ihm die schwarzen Augen grimmig entschlossen entgegen.

Als er das Badezimmer verließ, fragte Alex beiläufig: „Heute nach der Messe gibt’s in der Kapelle eine ‚Stunde der Heilung‘, wie Father Alan sie nennt. Einmal in der Woche findet das statt. Jeder kann hin, egal ob Christ oder nicht. Es wird gebetet, aber es ist nicht aufdringlich. Du kannst einfach nur drin sitzen und dir das Ganze einmal anschauen.“

„Nein, danke. Das brauch ich nicht“, erwiderte Pepito schroff. Kein Gebet und kein noch so frommes Gerede über Jesus könnte das je gut machen, was ihm angetan worden war. 

 „Schon gut. War nur eine Frage.“ Alex klang nicht beleidigt und übte auch keinen Druck aus.

„Aber geh du ruhig hin“, fügte Pepito hinzu. „In der kurzen Zeit stelle ich sicher nichts Blödes an. Das würde mir mit dem Ding hier auch ziemlich schwerfallen.“ Er deutete auf seine elektronische Fußfessel. Sein Aufenthalt hier war ja nicht ganz freiwillig.

„Okay“, nickte Alex. In den paar Tagen seit seiner Ankunft hatte sich Pepito gefügig gezeigt, also machte er sich deswegen auch keine Sorgen.

Pepito ging in sein Zimmer, setzte sich auf die Bettkante und wartete. Durchs geöffnete Fenster kamen von der Kapelle her die Klänge von Gesängen samt Gitarrenbegleitung herein. Jeden Abend wurde die Messe gefeiert. Pepito konnte es kaum fassen, wie viele Heimbewohner jedes Mal daran teilnahmen. Schließlich verstummten die Gesänge und Stimmen. Minuten später betrat Alex ihre Wohneinheit, schaute kurz bei ihm hinein, sah ihn mit einem Comicheft in der Hand im Bett liegen und rief ihm beruhigt ein „Gute Nacht!“ zu. Dann zog er sich in sein eigenes Zimmer zurück.

Allmählich wurde es überall still. Geduldig wartete Pepito noch eine Stunde lang. Dann stand er auf, schnappte sich seinen gepackten Rucksack und schlich lautlos auf den Korridor. So leise er konnte, stieg er die Treppen ins Erdgeschoß hinunter. Die große und freundliche Eingangshalle war in ein sanftes Licht getaucht; eine Notbeleuchtung war hier immer eingeschaltet. Kurz verharrte Pepito und sah sich ein letztes Mal um. Ein Gefühl von Bedauern stieg unerwartet in ihm hoch, doch ließ er sich davon nicht beirren. Die Fußfessel musste er noch durchtrennen und dann galt es, schnell zu sein, bevor die Cops aufkreuzten.

*

Abrupt wurde Father Alan aus dem Schlaf gerissen. Jemand klopfte heftig an seine Tür und eine Stimme rief aufgeregt und dennoch unterdrückt immer wieder seinen Namen. „Ich komme gleich!“, rief er schlaftrunken. Ein Blick auf seine Uhr: Es war zwei Uhr morgens. Ein Notfall. Rasch zog er Jeans und T-Shirt an und öffnete die Tür. Alex ging nervös am Korridor auf und ab. Da konnte Father Alan erraten, worum es ging. 

„Pepito?“, fragte er kurz angebunden.

Alex nickte. „Er ist weg. Ich kann ihn nirgends finden.“ Der Bursche wirkte zerknirscht und wütend zugleich. Er hatte zum ersten Mal die Aufgabe des Buddys bekommen, und nun war sein Schützling verschwunden.

Father Alan drückte ihm die Schulter. „Es ist okay. Weit kann er mit der Fußfessel nicht sein, sonst wären die Cops schon hier. Durchsuchen wir das Gelände, erst einmal nur wir beide. Vielleicht gibt’s ja eine harmlose Erklärung, dann ist ein Riesenwirbel unnötig. Fang du ganz oben an, ich gehe in den Keller.“

Erleichtert, dass er die Verantwortung nicht mehr allein tragen musste, machte sich Alex sofort auf den Weg, auch Father Alan eilte davon. Er durchkämmte sämtliche Kellerräumlichkeiten, fand jedoch keine Spur von Pepito. Im Erdgeschoß sah er in den Gemeinschaftsräumen nach, fand ihn aber auch hier nicht. Auf dem Weg zum Speisesaal kam der Priester an der Kapelle vorbei. Da blieb er plötzlich stehen. Das war der Ort, wo er Pepito nie und nimmer vermuten würde. Der Bursche hatte unmissverständlich klar gemacht, dass er von Jesus nichts wissen wollte.

Father Alan öffnete die Tür. In der Kapelle blieb auch nachts eine reduzierte Beleuchtung an, um etwaigen Betern einladend entgegenzukommen. In dem dämmrigen Licht machte er eine Gestalt in der ersten Bankreihe aus. Lautlos ging Father Alan ein paar Schritte weiter hinein, bis er Pepito eindeutig erkannte. Erleichtert atmete er auf und schickte gleich eine WhatsApp an Alex ab, dann ging er nach vorne. 

Zurück zu Teil 5
Weiter zu Teil 7

Veronika Grohsebner ist Schriftstellerin aus Wien und Autorin der erfolgreichen Benjamin Coleman Buchserie.

Der YOU!Magazin Fortsetzungsroman ist ein Spin-Off der Alan Jason Trilogie.