Freundschaft plus ist keine Seltenheit. Die Idee von körperlicher Nähe ohne verbindliche Beziehung scheint viele Leute anzusprechen. Was genau ist eine Freundschaft plus? Im Grunde geht es darum, Sex zu haben, mit jemandem, den man zwar gut kennt, in den man aber nicht verliebt ist. Solange sich beide darauf einigen, ist das doch kein Problem, oder? Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, ob uns dieses Beziehungsmodell wirklich glücklich machen kann.

Text: Debbie Werner und Michi Cech

Immer wieder erzählen mir Freunde über ihre Freundschaft plus. Es scheint ganz normal zu sein, sich mit Freunden aus der Schule, der Uni oder von Tinder zu treffen, um einfach mit ihnen zu schmusen oder mit ihnen zu schlafen. Netflix und Chill. Man trifft sich mit einem Freund oder einer Freundin, die man mag und attraktiv findet, um zusammen „Spaß“ zu haben. Die Erwartung ist, dass man sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe stillen kann, ohne sozusagen den Aufwand einer Beziehung dabei zu haben. Ich merke, dass das für viele heute irgendwie anziehend wirkt. Beziehung klingt eher so nach Einengung. Für manche zumindest. Freundschaft ist da viel unverbindlicher. Hört sich attraktiv an. Und mit dem „Plus“ wäre das sogar dann noch mehr… Ich glaube aber, dass das einen Haken hat.

Bedeutet Sex gar nichts?

Bedeutet Sex gar nichts? Ich stelle mir da echt die Frage: Ist Sex wirklich „nur etwas“, was ich wie eine gemeinsame spaßige Beschäftigung mit einem Freund „unternehme“? Für mich ist Sex mehr, als wie wenn man nur gemeinsam ins Kino geht. Als Frau habe ich zudem immer irgendwie im Hinterkopf, dass vielleicht auch ein Kind entstehen könnte – das kann übrigens auch passieren, wenn jemand verhütet. Und da brauch ich für Sex einfach den sicheren Rahmen, dass mein Partner mir treu bleibt und Verantwortung übernehmen möchte. Darum brauch ich für Sex letztlich den Ring am Finger. Es ist einfach so, erst nach dem Traualtar hab ich die echte Zusage von meinem Partner, dass er sich für mich entschieden hat. Wenn wir uns ehrlich sind, bedeutet Sex etwas. Mit Freundschaft Plus blenden wir das einfach total aus. Wir tun so, als würde Sex gar nichts mit Liebe zu tun haben. Oder mit einem Versprechen.

Wenn beide einverstanden sind

Ich glaube, man stellt sich das im Kopf so toll vor, dass es total ok ist, wenn das beide so wollen. Man hat eine nette Freundschaft und gleichzeitig ist man ganz frei. Das meint man zumindest. Man würde das nur gut klären müssen, und wenn beide einverstanden sind, gibt’s doch kein Problem. Der Fehlschluss, den man hier macht, ist die Annahme, dass Sex einfach etwas total Getrenntes von meinem Herzen sein kann. Dass Zärtlichkeit und sexuelle Befriedigung einfach gelebt werden können, ohne dass es mit meinem Inneren etwas macht. Freundschaft plus bedeutet vor allem, dass man sich nicht exklusiv bindet. Damit sagt man aber, dass es ok wäre, sich auch mit anderen zu treffen. Wenn du aber mit jemandem schläfst, willst du das dann wirklich, dass du das Gefühl hast, austauschbar zu sein? Warum tut es weh, sich vorzustellen, dass der Freund auch mit jemand anderem schläft? Vielleicht, weil man sich wie eine Sache benutzt fühlt. Denn das gemeinsame Commitment lautet: Du bist mir gut genug für meinen Spaß, aber nicht für mehr. Ein Mensch ist aber keine Sache, die man einfach nur zu seinem Spaß benützen kann und dann austauscht. Ich bin nicht austauschbar. Ich bin keine Sache, die man nur benutzt.

Einer will mehr

Das erklärt, warum Freundschaft plus in der Realität so gut wie nicht funktioniert. Paartherapeuten sagen, dass die Betroffenen dieses Beziehungsmodell am Anfang ganz spannend und toll finden, aber dass hier dann vieles kaputt geht und sie dann zum Beispiel in ihrer Praxis landen. Meist endet das Ganze sehr verletzend, weil einer von beiden dann doch mehr will. Man unterschätzt, dass Sex auch hormonell einen Einfluss hat. Wenn man sich also intensiv küsst oder mit einer Person schläft, werden automatisch Bindungshormone freigesetzt. Selbst wenn man keine Gefühle entwickeln möchte, verliert man in einer Freundschaft plus leicht die Kontrolle darüber, weil unsere Körper die biologische Funktion besitzen, uns aneinander zu binden. Meistens geht das von einem der beiden aus, und der andere möchte es dann beenden. Sich zu verlieben war ja nicht Teil der Vereinbarung. Freundschaft plus klingt vielleicht unkompliziert, kann aber in Realität sehr belastend und schmerzhaft für beide werden.

Angst sich zu binden

Dabei steckt hinter dem Gedanken von Freundschaft plus meist keine böse Absicht. Eher eine Angst sich zu binden. Wenn wir uns nicht fix binden, dann können wir uns auch nicht verletzen. So meinen wir. Aber wenn ich sage, dass ich noch nicht bereit für eine Beziehung bin, dann sage ich unbewusst: Ich möchte vielleicht einmal eine Beziehung mit jemand anderem, du bist nur eine Übergangslösung. Damit verletzen wir uns aber erst recht und die Folge ist, dass wir noch mehr Angst vor Bindung haben und davor, verlassen und verletzt zu werden. Ein perfekter Weg also, um irgendwann mal allein zu enden. Freundschaft plus klingt daher vielleicht nach „mehr“, ist aber letztlich ein „Weniger“, weil wir uns selbst und den anderen wie eine Sache sehen und benutzen. Wenn ich in einer Freundschaft plus wäre, würde ich mich fragen, wie mich diese Person eigentlich sieht. Die körperliche Anziehung ist da, aber es reicht scheinbar nicht für eine Beziehung. Wieso bin ich es nicht wert, als echter Beziehungspartner gesehen zu werden? Wertet mich der Fakt, dass ich der Person für etwas Langfristiges nicht genug bin, nicht eher ab? Die Person will mich eigentlich nicht und nimmt trotzdem etwas von mir. Und ich von ihr. Das scheint für mich keine echte Freundschaft zu sein.

Beziehung plus?

Wie sieht das Ganze jetzt in einer Beziehung aus? Ist das „Plus“ hier dann ok? Immerhin lebt eine Beziehung von der exklusiven Wahl: „Nur du und niemand anders!“ Da gibt es eine tiefe Anziehung und Verliebtheit. Genauso wie eine echte Verbindlichkeit, für den anderen da zu sein, auch wenn es mich mal nicht so freut. Es geht nicht nur um meinen eigenen Spaß. Wir gehen gemeinsam einen echten Weg. Das macht eine Beziehung auch so schön und wertvoll. Wenn wir es aber genau anschauen, ist auch eine Beziehung vorerst nur temporär und auf Probe. Auch wenn der Wunsch auf jeden Fall da ist, vielleicht für immer zusammenzubleiben, bindet man sich nur „unter der Bedingung“, solange es eben gut klappt. Wenn es nicht mehr passt, würde man einen anderen Partner suchen. Auch eine Beziehung ist daher, so ehrlich sie auch ist, noch nicht bedingungslos. Auch hier gibt es noch kein endgültiges Versprechen. Ich finde, es macht daher so viel Sinn, wenn wir als Katholiken Gottes Idee ernst nehmen und mit Sex überhaupt bis zur Ehe warten! Erst ab da ist es wirklich endgültig und bedingungslos. Dieses Versprechen wäre das eigentliche „Plus“ und für mich ist es das, was Sex ist: Ich bin es wert, geliebt zu werden ohne Abstriche!