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B 16
Der Papst kommt nach Österreich! Lies, was der Papst so zu sagen hat...
Wie passen Kirche und Leben zusammen? Oft scheint, es ja, dass die Kirche überhaupt nichts mit unserem Leben zu tun hat. Wir haben also ganz einfach Papst Benedikt höchstpersönlich gefragt. Nachdem wir uns wie Tom Cruise in Mission Impossible III über die Mauern des Vatikans eingeschlichen hatten, erhielten wir schließlich auch die Antworten des Papstes...
Für uns Jugendliche ist die Kirche oft etwas, das hauptsächlich mit Geboten und Verboten zu tun hat. Wir wollen aber das Leben leben und genießen. Was sagen Sie als Papst dazu?
Benedikt XVI: Es stimmt, dass vielen Menschendas Christentum als eine Option gegen das Leben vorkommt – ich denke dabei an Nietzsche, aber auch an viele andere. „Mit dem Kreuz, mit all den Geboten, mit allem ‚Nein’, das das Christentum auferlegt, verschließt es uns den Zugang zum Leben. Aber wir wollen das Leben haben, und wir wählen das Leben.“ So sagen es die Leute. Aber auch schon im Alten Testament sagt Gott: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben“ (Dt 30,19).
Wie wählt man das Leben? Wie tut man das?
Benedikt XVI: Heute sagen viele: „Wir entscheiden uns für das Leben, indem wir uns vom Kreuz befreien und von all diesen Geboten und all diesem Nein. Wir wollen das Leben in Fülle haben, nichts anderes als das Leben.“ Hier kommt uns aber auch das Wort des Evangeliums in den Sinn: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten“ (Lk 9,24). Das ist das Paradoxon, das wir bei der Option für das Leben in erster Linie berücksichtigen müssen. Nur wenn wir das Leben nicht für uns selbst in Anspruch nehmen, sondern das Leben hingeben, nur wenn wir das Leben nicht haben und an uns reißen wollen, sondern es hingeben, können wir es finden. Das ist letztendlich der Sinn des Kreuzes: das Leben nicht für sich haben zu wollen, sondern es hinzugeben.
Was hat das aber mit Gott zu tun? Brauchen wir unbedingt Gott dazu?
Benedikt XVI: Im Alten Testament lautet die Antwort Gottes: „Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben“ (Dt 30,16). Auf den ersten Blick gefällt uns das nicht, aber es ist der Weg: Die Option für das Leben und die Option für Gott sind identisch. Der Herr sagt es im Evangelium nach Johannes: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen“ (Joh 17,3). Das menschliche Leben ist eine Beziehung. Nur in der Beziehung, nicht in uns selbst verschlossen, können wir das Leben haben. Und die grundlegende Beziehung ist die Beziehung zum Schöpfer, sonst sind die anderen Beziehungen schwach. Also Gott wählen – das ist wesentlich. Eine Welt, in der Gott abwesend ist, eine Welt, die Gott vergessen hat, verliert das Leben und versinkt in eine Kultur des Todes. Das Leben wählen, sich für das Leben entscheiden bedeutet vor allem, die Option für Gott und die Beziehung zu Gott zu wählen.
Da stellt sich nur noch auch die Frage: Zu welchem Gott?
Benedikt XVI: Auch hier hilft uns das Evangelium: zu dem Gott, der uns sein Antlitz in Christus gezeigt hat, zu dem Gott, der am Kreuz den Hass besiegt hat, also in der Liebe bis zur Vollendung. Wenn wir diesen Gott wählen, wählen wir das Leben. Uns selbst muss klar sein, dass wir, indem wir Christus gewählt haben, nicht die Verneinung des Lebens, sondern wirklich das Leben in Fülle gewählt haben. Die christliche Option ist im Grunde sehr einfach: Sie ist das Ja zum Leben. Aber dieses Ja wird nur mit einem Gott verwirklicht, der nicht unbekannt ist, mit einem Gott, der ein menschliches Antlitz hat. Es wird verwirklicht, indem wir diesem Gott in der Gemeinschaft der Liebe nachfolgen.
Das erinnert ein wenig an das, was Johannes Paul II immer betont hat.
Benedikt XVI: Papst Johannes Paul II hat uns die große Enzyklika Evangelium vitae geschenkt. Sie ist gleichsam ein Bild der Probleme der heutigen Kultur, der Hoffnungen und der Gefahren. Aus ihr wird ersichtlich, dass eine Gesellschaft, die Gott vergisst, die Gott ausschließt, gerade weil sie das Leben haben will, in eine Kultur des Todes versinkt. Weil man das Leben haben will, sagt man „nein“ zum Kind, denn es nimmt mir einen Teil meines Lebens, sagt man „nein“ zur Zukunft, um die ganze Gegenwart zu haben, sagt man „nein“ zum werdenden Leben und zum leidenden Leben, das dem Tod entgegengeht. Diese scheinbare Kultur des Lebens wird zur Antikultur des Todes, wo Gott abwesend ist, wo der Gott abwesend ist, der nicht den Hass anordnet, sondern den Hass besiegt. Hier entscheiden wir uns wirklich für das Leben. Alles hängt also miteinander zusammen: die tiefste Option für den gekreuzigten Christus mit der vollkommensten Option für das Leben vom ersten bis zum letzten Augenblick.
Wie gelangt man nun zu einem lebendigen Glauben, zu einem wirklich katholischen Glauben, zu einem konkreten, lebhaften, wirksamen Glauben?
Benedikt XVI: Der Glaube ist letztlich ein Geschenk. Die erste Bedingung ist also, sich etwas schenken zu lassen, nicht selbstgenügsam zu sein, nicht alles allein zu tun, denn das können wir nicht, sondern uns zu öffnen in dem Bewusstsein, dass der Herr wirklich schenkt. Mir scheint, dass diese offene Haltung auch die Haltung ist, mit der das Gebet beginnt: für die Gegenwart des Herrn und sein Geschenk offen sein. Das ist auch der erste Schritt, etwas zu empfangen, das wir nicht machen und das wir nicht haben können, wenn wir es selbst machen wollen. Diese Haltung der Offenheit, des Gebets – Herr, schenke mir Glauben! – muss mit unserem ganzen Dasein vollzogen werden. Wir müssen hineinwachsen in die Bereitschaft, das Geschenk anzunehmen und uns von dem Geschenk in unserem Denken, in unserem Fühlen, in unserem Willen durchdringen zu lassen.
Jetzt noch eine Frage zur Kirche. Wozu brauche ich die Kirche, um diesen Glauben zu leben?
Benedikt XVI: Hier scheint es mir sehr wichtig, einen wesentlichen Punkt zu unterstreichen: Niemand glaubt für sich allein. Wir glauben immer in und mit der Kirche. Wir „machen“ den Glauben nicht, in dem Sinn, dass es vor allem Gott ist, der ihn schenkt. Aber ebenso wenig „machen“ wir ihn in dem Sinn, dass er von uns erfunden werden sollte. Wir müssen uns sozusagen in die Gemeinschaft des Glaubens, der Kirche fallen lassen. Wir müssen Tag für Tag unsere Gemeinschaft mit der Kirche und so mit dem Wort Gottes vertiefen. Es handelt sich nicht um zwei entgegen gesetzte Dinge, so dass ich sagen könnte: „Ich bin mehr für die Kirche“ oder: „Ich bin mehr für das Wort Gottes“. Nur vereint ist man in der Kirche, gehört man zur Kirche, wird man Glied der Kirche, lebt man vom Wort Gottes, das die Lebenskraft der Kirche ist. Und wer vom Wort Gottes lebt, kann es nur leben, weil es in der lebendigen Kirche lebt und lebenskräftig ist.
Gemeinschaft ist aber oft gar nicht so einfach zu leben...
Benedikt XVI: Es ist interessant, dass gerade die Jugend, die in den Diskotheken engste Nähe sucht, in Wirklichkeit an tiefer Einsamkeit und natürlich auch am Unverstandensein leidet. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder ist eine Insel des Denkens, des Fühlens, und diese Inseln haben keine Verbindung untereinander. Das schwierige Problem gerade in unserer Zeit – in der jeder das Leben für sich haben will, es aber verliert, weil er sich isoliert und den anderen von sich ausgrenzt –, besteht darin, die tiefe Gemeinschaft wiederzufinden, die letztendlich nur aus einer Grundlage, die allen gemeinsam ist, aus der Gegenwart Gottes, kommen kann, die uns alle vereint.
Die Antworten des Papstes stammen aus der Ansprache vom 2.3.06 an die Priester der Diözese Rom... Hier kannst du die Ansprache nachlesen.
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