
Faith
Papstswjt
B 16
Wenn man fragt, was das Wichtigste im Christentum ist, dann ist es diese Antwort, die auch Jesus Christus selbst auf diese Frage gegeben hat: „Du sollst Gott lie...
„Du sollst deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst...“
„Können wir Gott überhaupt lieben, den wir doch nicht sehen?“, fragt sich der Papst, wie wir uns übrigens auch. Dass man jemanden liebt, setzt doch voraus, dass man ihn schon mal gesehen hat. Und die zweite Frage ist auch nicht unbegründet: „Kann man Liebe gebieten? – Liebe ist doch ein Gefühl, das da ist oder nicht da ist, aber nicht vom Willen geschaffen werden kann...“
Das Problem bei Gott ist einfach, dass wir ihn nicht sehen, und beim Nächsten, dass wir eben auf Befehl eigentlich nicht lieben können. Und doch ist das das erste Gebot, wenn man ein Christ sein will. Der heilige Johannes legt in der Bibel noch eines drauf, indem er schreibt: „Wenn jemand sagt: ‚Ich liebe Gott!’, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner.“
Ist es unmöglich?
Ist also dieses Gebot der Liebe dann sowieso unmöglich? Der Papst sieht darin nicht etwas Unmögliches, sondern vielmehr die Tatsache, dass Gottes- und Nächstenliebe einfach untrennbar zusammen gehören. Einerseits ist die Nächstenliebe ein Weg, Gott zu begegnen, und andererseits kann uns Jesus die Liebe deshalb „gebieten“, weil er uns schon zuerst geliebt hat. Er liebt uns und deswegen können auch wir mit einer wirklichen Liebe antworten. Benedikt XVI: „Gott ist uns nicht ganz unsichtbar geblieben. Gott hat sich sichtbar gemacht: In Jesus können wir den Vater anschauen.“
Aber auch durch andere Menschen, durch die Gemeinschaft, durch die Sakramente, durch das Beten und die heilige Schrift scheint Gottes Liebe durch, ergänzt der Papst. Das heißt, dass es schon möglich ist, die Liebe Gottes wirklich zu erfahren und innerlich zu spüren. „Gott schreibt uns nicht ein Gefühl vor, das wir nicht herbeirufen können. Er liebt uns, lässt uns seine Liebe sehen und spüren und aus diesem ‚Zuerst’ Gottes kann als Antwort auch in uns die Liebe aufkeimen.“
Dasselbe wollen
Der Papst ist sich dabei aber auch bewusst, dass Liebe nicht bloß Gefühl ist. Gefühle kommen und gehen. „Das Gefühl kann eine großartige Initialzündung sein, aber das Ganze der Liebe ist es nicht. Zur Reife der Liebe gehört es, dass sie alle Kräfte des Menschen einbezieht.“ Zu diesen Kräften gehören wesentlich unser Wille und unser Verstand, so Benedikt XVI. Wir müssen uns also durch unseren Willen bemühen Gott auch mehr und mehr zu verstehen. Das gehört sozusagen zu der ganzheitlichen Liebe, die eben ein ewiges Bemühen ist.
„Liebe ist niemals ‚fertig’ und vollendet“, fährt der Papst fort. „Sie wandelt sich im Lauf des Lebens, reift und bleibt sich gerade dadurch treu.“ Es geht letztlich dahin, dass man dasselbe denkt und will, dass Wille und Verstand ähnlich werden. Alte Philosophen haben die Liebe so definiert: dasselbe wollen und dasselbe abweisen. Und auch bei Gott ist das so, wie Papst Benedikt zusammenfasst: „Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin, dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst und so unser Wollen und Gottes Wille immer mehr ineinanderfallen.“ So werden die Gebote nicht zu einer von außen auferlegten Last, sondern das, was ich aus meiner eigenen Erfahrung heraus selbst will.
Mit seinen Augen sehen
Dann ist nun auch das Gebot der Nächstenliebe möglich, dass ich den Mitmenschen, den ich zuerst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Benedikt XVI: „Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus, die Willensgemeinschaft geworden ist und bis ins Gefühl hineinreicht. Dann lerne ich, diesen anderen nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus. Sein Freund ist mein Freund.“ Das Geheimnis ist, den anderen mit den Augen Jesu zu sehen. Dann fällt es auf einmal leicht, jemanden zu lieben, auch wenn mir derjenige zum Beispiel gar nicht sympatisch ist. So gehören Gottes- und Nächstenliebe wirklich zusammen.
Notwendige Wechselbeziehung
Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten stehen auch in einer notwendigen Wechselbeziehung. Der Papst sagt: „Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ‚fromm’ sein, nur meine ‚religiösen Pflichten’ tun möchte, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch ‚korrekt’, aber ohne Liebe.“
Es ist so, wie es zum Beispiel eine selige Mutter Theresa gezeigt hat: Sie hat ihre Liebesfähigkeit zum Nächsten aus dem Gebet, der Anbetung und der Eucharistie geschöpft und gleichzeitig hat der Dienst am Nächsten ihr Gebet vertieft. „Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar“, beschließt der Papst seine Überlegung. „Es ist nur ein einziges Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So ist es nicht mehr ‚Gebot’ von außen her, das uns Unmögliches vorschreibt, sondern geschenkte Erfahrung von innen her. Liebe wächst durch Liebe. Und sie ist ‚göttlich’, weil sie von Gott kommt.“
Das päpstliche Schreiben über die Liebe „Deus caritas est“ ist als Heft bestellbar oder hier downloadbar.
Michael Cech
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