
Faith
Papstswjt
B 16
„Gott ist die Liebe“, auf Latein: „Deus caritas est“, so lauten die ersten drei Worte und auch der Titel des ersten großen Rundschreibens...
Liebe – ein sprachliches Problem
Das Wort „Liebe“ ist heute zu einem „der meist gebrauchten und auch missbrauchten Wörtern geworden“, beginnt der Papst seine Ausführungen. Und „wir verbinden völlig verschiedene Bedeutungen damit“. Wir sprechen ja zum Beispiel von Vaterlandsliebe, Liebe zum Beruf, Liebe unter Freunden, zwischen Eltern und Kindern, Geschwisterliebe, Liebe zum nächsten und auch Liebe zu Gott.Und es gibt die einzigartige Liebe zwischen Mann und Frau, in der offensichtlich „Leib und Seele untrennbar zusammenspielen“. Die Frage stellt sich, ob wir hier vielleicht ein und dasselbe Wort für ganz verschiedene Dinge verwenden oder ob alle diese Formen von Liebe doch irgendwie zusammen gehören.
Eros und Agape
Grundsätzlich können wir in der Liebe zwei unterschiedliche Aspekte entdecken. Das haben schon die Philosophen im alten Griechenland erkannt. Zum einen gibt es die „begehrende“ Liebe, die wir zum Beispiel besonders in der Anziehung zwischen Mann und Frau sehen. Die Griechen haben ihr den Namen „Eros“ gegeben. Davon kommt eben der Begriff „Erotik“ oder „erotische Liebe“. Dem gegenüber steht die „schenkende“ Liebe, um die es vor allem in der Bibel und im Glauben geht. Man nennt sie „Agape“.
Da die Kirche besonders diese schenkende Liebe in den Vordergrund stellt, wird ihr oft vorgeworfen, dass sie den Eros abwertet oder sogar zerstören will. „Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben?“, fragt Benedikt XVI ehrlich und spricht dabei vielen Menschen aus der Seele. Führen Ansichten wie „kein Sex vor der Ehe“ nicht dazu, dass Leib und Sexualität als etwas Schlechtes angesehen wird? Dabei wäre dies von unserem Schöpfer doch als Freude gedacht, die uns „etwas vom Geschmack des Göttlichen“ spüren ließe.
Aufstieg zum Göttlichen
Die alten Griechen haben tatsächlich Eros als göttliche Macht gefeiert, als Vereinigung mit dem Göttlichen. Das ging so weit, dass im Tempel die so genannte „heilige Prostitution“ gefeiert wurde, die den Göttlichkeitsrausch herbeiführen sollte. Dieser „zuchtlose Eros“ führte aber nicht „zum Aufstieg zum Göttlichen, sondern zum Absturz des Menschen“, weiß unser Papst, „weil die Prostituierten nicht als Menschen und Personen behandelt worden sind.“ Daraus wird aber ein wenig deutlich, dass Liebe irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat. „Sie verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit – das Größere und ganz andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins“, erläutert Benedikt XVI.
Andererseits kann sie nicht einfach nach den Trieben, ohne in Zaum gehalten zu werden, ausgelebt werden. Denn das führt immer zu Verletzungen, zum Absturz. Man braucht hier nur an Missbrauch und Vergewaltigung denken. Der Eros muss manche Regeln befolgen, das zeigt uns das Leben. Benedikt XVI: „Reinigung und Reifung sind nötig, die auch über die Straße des Verzichts führen. Das ist nicht die Absage an den Eros, sondern seine Heilung zu seiner wirklichen Größe hin.“ Dann aber soll der Eros wirklich einen Vorgeschmack auf jene Seligkeit schenken, „auf die unser ganzes Sein wartet.“
Bild des Menschen
Aber wie kann eine Reinigung oder Reifung gelingen? Wichtig ist hier sich mit dem Wesen des Menschen auseinanderzusetzen, der aus Leib und Seele besteht. Der Papst ergründet: „Der Mensch wird dann ganz er selbst, wenn Leib und Seele zu innerer Einheit finden.“ Entscheidend ist also eine echte innere Einheit. Leibfeindlichkeit ist somit genauso falsch wie eine Verleugnung der Seele.
Liebe ist nicht etwas rein Körperliches, aber genauso wenig etwas nur Geistiges. „Es lieben nicht Geist oder Leib – der Mensch, die Person, liebt als ein einziges und einiges Geschöpf, zu dem beides gehört“, schreibt der Heilige Vater. „Nur in der wirklichen Einswerdung von beidem wird der Mensch ganz er selbst. Nur so kann Liebe – Eros – zu ihrer wahren Größe reifen.“ Für wen allein nur das Geistige „gut“ ist, der wird in Leibfeindlichkeit verfallen. Wer aber die Seele abstreitet, der fällt in die Art von Verherrlichung des Leibes, die wir heute erleben. „Das ist aber trügerisch“, meint der Papst. „Der zum ‚Sex’ degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen ‚Sache’; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware. In Wirklichkeit ist dies gerade nicht das große Ja des Menschen zu seinem Leib.“
Der christliche Glaube hat das immer versucht den Menschen als Einheit zu sehen, als „zweieiniges Wesen, in dem Geist und Materie ineinander greifen und beide gerade so einen neuen Adel erfahren“, wie Benedikt XVI sagt. „Ja, Eros will uns zum Göttlichen hinreißen, uns über uns selbst hinausführen, aber gerade darum verlangt er einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen und Heilungen.“
Liebe und Endgültigkeit
Und was hat das jetzt mit „Kein Sex vor der Ehe“ zu tun? Genauso wie Leib und Seele nicht getrennt werden dürfen, darf der Eros, die begehrende Liebe, nicht von der schenkenden Liebe, Agape, getrennt werden. Reinigung bewirkt, dass die Liebe „nicht mehr sich selbst will – das Versinken in der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten: Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es.“
Der Papst fügt seiner Erklärung hinzu: „Zu den Aufstiegen der Liebe und ihren inneren Reinigungen gehört es, dass Liebe nun Endgültigkeit will.“ Sie will „nur diesen einen Menschen“ und „für immer“. Wahre Liebe will Endgültigkeit. Und durch diese Sehnsucht nach Endgültigkeit „verweist der Eros den Menschen auf die Ehe, auf eine Bindung, zu der Einzigkeit und Endgültigkeit gehören“, folgert der Heilige Vater aus seinen Überlegungen und er bekräftigt noch einmal: „Liebe zielt auf Ewigkeit. Ja, Liebe ist ‚Ekstase’, aber Ekstase nicht im Sinn des rauschhaften Augenblicks, sondern Ekstase als ständiger Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes.“
Das päpstliche Schreiben über die Liebe „Deus caritas est“ ist als Heft bestellbar oder hier downloadbar.
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