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08.09.2008

Paul in Peking

Untergrundmissionar

Trotz Christenverfolgung in China möchte Paul Priester werden - im Untergrund versteht sich.

von Andreas Thonhauser

Die Augen der Welt sind auf China gerichtet: Die Erdbeben-Katasptrophe in Sichuan macht betroffen. Abgesagt wurden die Olympischen Spiele trotzdem nicht. Schon zuvor erregten die Proteste in Tibet gegen die chinesische Regierung großes Aufsehen. Obwohl sich das Land unter dem kommunistischen Regime in vielen Aspekten öffnete und die Situation für die Menschen besser wurde, gibt es noch immer Menschenrechtsverletzungen. Auch die katholische Kirche leidet darunter: Katholische Orden bewegen sich ausschließlich im Untergrund. Paul (Name geändert) schreckte das nicht ab. Der 25-Jährige bekehrte sich während seiner Mittelschulzeit zum Glauben, entschloss sich als Student Priester zu werden und trat schließlich dem Orden der Steyler Missionare bei. Im Interview mit Andreas Thonhauser*) in der Verbotenen Stadt im Zentrum Pekings erzählt er über das Abenteuer seines Lebens.


Andreas: Warum willst du Priester werden?

Paul: Ich will meinem Volk und meinem Land helfen, ihnen einen neuen Zugang zu ihrem Leben schenken. Mich selbst hat der christliche Glaube beflügelt, meinem Leben einen Sinn gegeben. Die persönliche Beziehung mit Christus, das tägliche Gebet, das Reden mit ihm, hat alles in meinem Leben verändert und zwar zum Guten. Dafür bin ich dankbar. Das möchte ich mit anderen teilen. Mir geht es nicht darum, wie viele Menschen ich im Endeffekt getauft habe, sondern dass ich die frohe Botschaft Jesu verkündet und authentisch danach gelebt habe. Gott soll durch mich die Herzen der Menschen berühren.


Andreas: Werden Christen verfolgt?

Paul: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ja, sie werden verfolgt, aber es ist lange nicht so schlimm wie zum Beispiel in der früheren Sowjetunion. Außerdem ist es von Region zu Region und oft von Dorf zu Dorf unterschiedlich. China ist ein riesiges Reich, da ist es schwer, den Überblick zu behalten. Außerdem gibt es eine offizielle, vom Staat kontrollierte Kirche und eine Untergrundkirche. Beide versuchen der Lehre Christi treu zu sein, aber die offizielle Kirche beugt sich dem staatlichen Machtanspruch, während die Untergrundkirche nur Rom gehorcht und deshalb verfolgt wird. Auch wenn sich die Lage in den vergangenen Jahren sicher verbesserte – noch immer befinden sich Priester oder Bischöfe in Gefängnissen oder unter Hausarrest. Ganz allgemein geht die Regierung aber nicht sehr brutal gegen Christen vor. Religionsfreiheit wie im Westen besteht dennoch nicht, auch wenn sie in der Verfassung verankert ist.


Andreas: Dein Name soll nicht genannt, Bilder von dir nicht gezeigt werden. Hast du Angst?

Paul: Ja, ein wenig schon. Momentan wäre es wahrscheinlich unproblematisch, dass ich ein Interview als Untergrundmönch gebe, aber die Zeiten können sich ändern und der Geheimdienst vergisst nicht. Deshalb ist es mir lieber, wenn man mich nicht erkennt – auch wegen meiner Familie und meinen Freunden.


Andreas: Warst du immer schon katholisch?

Paul: Ich komme aus einer nicht-katholischen Familie, meine Eltern sind Atheisten, wie die meisten Chinesen. Nur ein Prozent der Bevölkerung (13 Millionen) ist katholisch in China. Ich habe mich in der Mittelschule bekehrt und taufen lassen. Das war für meine Eltern nicht einfach: Einerseits sind sie selbst keine Christen und können meine Entscheidung auf spiritueller Ebene nicht nachvollziehen, andererseits bringt es in China keine Vorteile, Christ zu werden, eher das Gegenteil. Aber durch meinen Glauben veränderte sich mein Leben radikal: Ich habe verstanden, dass ich ein Kind Gottes bin und dass ich mich vor niemandem zu fürchten brauche, dass ich eine Mission habe, dass sich Gott einen speziellen Auftrag für mich ausgedacht hat. Ich würde sagen, ich habe mich selbst gefunden und meinen Platz in der Welt. Ich weiß jetzt, wer ich bin und was ich kann, dank Jesus Christus. Zuerst war ich in meiner Schule ein Außenseiter, doch durch den Glauben wurde mein Dasein authentisch und plötzlich war ich überall akzeptiert – als der Mensch, der ich wirklich bin.


Andreas: Wie lerntest du den Glauben überhaupt kennen?

Paul: Auf meinem Schulweg steht eine Kathedrale. Dort probte öfters ein Chor. Eines Tages, auf dem Heimweg vom Unterricht, hörte ich Musik in der Kirche und ging hinein. Ich lauschte den Liedern und war fasziniert. Von nun an kam ich fast jeden Tag wieder. Irgendwann begann ich auch über die Botschaft der Kirchenlieder nachzudenken – und heute bin ich drauf und dran, Mönch zu werden!


Andreas: Warum wurdest du Mönch und wähltest den Untergrund?

Paul: Als Priester wäre ich an einen Ort gebunden, als Mönch kann ich überall in China eingesetzt werden. Mir ist es wichtig, dorthin zu gehen oder geschickt zu werden, wo die Not am größten ist, wo ich meinem Nächsten wirklich dienen darf. In Peking ist es leicht, katholisch zu sein, weil hier die internationale Aufmerksamkeit groß ist. In den Provinzen ist es viel schwieriger, weil fast niemand außerhalb der Dörfer und Städte mitbekommt, was tatsächlich geschieht. Gerade dort brauchen die Menschen gute Priester!


Andreas: Wie siehst du die Olympischen Spiele?

Paul: Ich hoffe, dass sich durch sie vieles zum Guten verändert. Schon jetzt wurden viele alltägliche Dinge einfacher, weil die Regierung nicht mehr so streng ist in Bezug auf Religion. Das hat viel mit der Olympiade zu tun. Ob das nach dem August anhält, ist eine völlig andere Frage. Man wird sehen.


Andreas: Wirst du die Spiele besuchen?

Paul: Nein, das ist viel zu teuer. Vielleicht sehe ich mir den einen oder anderen Bewerb im Fernsehen an. Außerdem muss ich sowieso Griechisch und Hebräisch büffeln. Da bleibt nicht mehr viel Zeit.


*) Andreas Thonhauser ist verantwortlicher Redakteur von "alle welt", dem Magazin von Missio - Päpstlichen Missionswerke in Österreich. Mehr über das "Abenteuer Mission" und wie ihr den Menschen in den Ländern des Südens wirksam helfen könnt, erfahrt ihr unter: www.missio.at

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