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04.05.2007

Rumänien

Flucht aus der Hölle

In Rumänien leben Tausende von Kindern in Kanälen und Heizschächten. Sonja (16) hat den Absprung geschafft.Ein schmales Bett, auf dem ein roter Plüschteddy hockt, ein wackeliger Schreibtisch, ein Stuhl – mehr passt nicht hinein in das kleine Zimmer. Gerade mal sechs Quadratmeter groß ist Sonjas Reich. Trotzdem fühlt sich die junge Rumänin in dem blitzblank geputzten Raum wie im siebten Himmel. „Das ist mein Zuhause. Hier fühle ich mich geborgen.“

Für Sonja ein ganz neues Gefühl. Denn es ist noch nicht lange her, dass die 16-Jährige in einem Kanalschacht unter der Erde lebte. Genauso wie tausende Mädchen und Jungen, die täglich in Rumänien ums Überleben kämpfen.

Jetzt wohnt das rothaarige Mädchen mit den Sommersprossen zusammen mit 10 anderen obdachlosen Kindern im Jugendzentrum der Salesianer Don Boscos im rumänischen Constanza.

Die Hilfe der Ordensleute ist in Rumänien bitter nötig. Etwa 8000 bis 10 000 Kinder hausen in dem osteuropäischen Land im Untergrund, übernachten in Abwässerkanälen und unterirdischen Heizwerken der Städte. In Constanza wird ihre Zahl auf mehrere hundert geschätzt. Sie leben vom Betteln oder Stehlen, sind Freiwild für Diebe, Mörder, Zuhälter.

Schon zu sozialistischen Zeiten galt Rumänien als Armenhaus. Und seit dem Zusammenbruch des Ceaucescu-Regimes haben sich die sozialen Probleme nicht wesentlich verringert: Etwa 43 Prozent der Rumänen leben immer noch unterhalb der Armutsgrenze, seit 1996 ist die Kaufkraft um die Hälfte gesunken. Zwar liegt die offizielle Arbeitslosenzahl bei 7,7 Prozent, aber viele sind nur saisonal, in der Schattenwirtschaft oder als Tagelöhner beschäftigt.

Die vielen Kinder auf Rumäniens Straßen sind aber nicht nur die Folge von Armut. Auch ein fehlendes soziales Netz zählt zu den Ursachen. Wer arbeitslos wird, steht ohne Absicherung da. Es gibt offiziell zwar eine geringe Sozialhilfe, doch die wird von den Kommunen ausgezahlt – und die sind meistens pleite. Zudem hat die orthodoxe Kirche, der 87 Prozent der Rumänen angehören, keine Tradition der sozialen Fürsorge. Kirchlich organisierte Suppenküchen oder Schlafstätten für Obdachlose gibt es deshalb in Rumänien nur selten.

„Christliche Werte wie Menschenwürde, Respekt und Hilfe für sozial Schwächere spielen hier kaum eine Rolle. Jeder ist nur das wert, was er produziert“, sagt Pater Sergio, Leiter der Don Bosco-Niederlassung in Constanza. „Nur wenn wir den Menschen ihre Würde zurückgeben, können wir das Problem der Straßenkinder langfristig lösen.“

Zum Beispiel das von Sonja. Mit acht landete das Mädchen auf der Straße. Ihr Vater war gestorben, der neue Freund der Mutter Alkoholiker. Weil nicht genug Geld da war, schickte er Sonja zum Betteln. „Wenn ich nichts mitbrachte, prügelte er mich.“ Sonja hielt es zu Hause nicht mehr aus, schloss sich den Straßenkindern an.

Das Mädchen ist dem Leben am Abgrund gerade noch rechtzeitig entkommen. Doch wenn sie sich daran erinnert, verlieren ihre braunen Augen ihr sonst so freudiges Strahlen. „Ich hatte große Angst, besonders nachts. Überall gibt’s rivalisierende Banden, die sich gegenseitig bekämpfen.“ Von Zeit zu Zeit kam die Polizei vorbei, sprühte Tränengas in die Kanallöcher, um die Kinder aus den Löchern zu treiben.

Auf diesem Weg fingen die Beamten auch Sonja ein und verfrachteten sie in ein staatliches Kinderheim. „Aber die haben mich den ganzen Tag eingesperrt und verprügelt, wenn ich nicht tat, was sie wollten.“ Sie lief wieder weg, schlug sich erneut auf der Straße durch. Bis Pater Sergio ihr begegnete und sie einlud, ins Don Bosco-Jugendzentrum zu kommen. Sonja hat sein Angebot angenommen und bis heute nicht bereut. „Hier wird niemand geprügelt oder eingesperrt. Und die Regeln werden erklärt“, sagt das Mädchen begeistert.

Das Jugendzentrum der Salesianer Don Boscos liegt im Armenviertel am Stadtrand von Constanza. Ziel der Ordensleute ist, Straßenkids und Jugendlichen aus Problemfamilien ein Freizeitprogramm sowie eine Ausbildung anzubieten. Sie sind darüber hinaus Ansprechpartner für alle wichtigen Fragen der Kinder, führen sie durch Diskussionen über alltägliche Probleme an das Christentum heran. Gebetet wird mit den Jugendlichen hauptsächlich vor dem Essen. Doch sie machen niemals Druck. „Glaube basiert immer auf freier Zustimmung“, erklärt Pater Sergio. Ein Jugendlicher kann deshalb nein sagen und trotzdem von uns gefördert werden.“

Ausgangspunkt für Projektleiter Pater Sergio, der selbst mit elf Geschwistern aufgewachsen ist, war ein Fußballspiel mit den verwahrlosten Kindern am Strand. Ihnen wollte er ein neues Zuhause geben. Heute steht dieses Jugendzentrum: Ein Haus mit einem großen Sportplatz, einem Wohnheim, einem Berufsbildungszentrum und einer Textilwerkstatt.

80 bis 100 Mädchen und Jungen tummeln sich täglich auf dem Sportplatz, darunter auch Sonja. Spiel und Sport, Begleitung und Heranführung an ein christliches Menschenbild ist das Rezept der Salesianer Don Boscos. 125 000 Euro hat die internationale Koordinierungsstelle der Salesianer, die „Don Bosco Mission“ in Bonn bisher an das Hilfsprojekt in Constanza überwiesen. Ein Großteil davon fließt in die Ausbildung der Jugendlichen. Elf ehemalige Straßenkinder gehen regelmäßig zur Schule. Und im hauseigenen Berufsbildungszentrum absolvieren zwischen etwa 100 Jugendliche pro Jahr EDV-Kurse, werden ausgebildet zu Graphikern, Elektrikern, Schneidern.

Sonja hat ihre eigenen Pläne, genießt aber den geregelten Tagesablauf. „Damals auf der Straße bin ich irgendwann aufgewacht, irgendwann eingeschlafen und wusste nie, wie spät es ist.“ Im Moment geht sie vormittags zur Schule. Nachmittags macht sie eine Lehre als Schneiderin. Dafür bekommt sie sogar ein kleines Gehalt – 400 000 Lei, umgerechnet 20 Euro im Monat. „Von meinem ersten Lohn habe ich eine Blumenvase und einen Taschenrechner gekauft.“ Mit dem Geld wollen die Salesianer die Kinder zum Durchhalten motivieren. Denn nach Jahren auf der Straße ist es für die meisten schwer, sich zu konzentrieren.

Nicht alle schaffen den Absprung. Don Sergio und seine Mitarbeiter besuchen deshalb die Kinder in den Kanallöchern, bringen ihnen Essen und Kleider zum Wechseln. Und werben immer wieder für das Jugendzentrum. „Dort bekommt ihr ein warmes Essen und könnt an Spielen mit anderen Kindern teilnehmen.“ Erst dann bieten die Salesianer Schulstunden oder das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten an. Sonja weiß genau, wohin das alles führen soll. „Ich möchte Sportlehrerin werden. Am liebsten mag ich Gymnastik und Basketball.“ Was sie dann sagt, würde bei anderen Teenagern wohl spießig klingen. Nicht jedoch bei Sonja. „Ich träume von einem eigenen Haus. Ein Dach über dem Kopf – das ist das Wichtigste.

Check the web: www.donboscomission.de

Annette Kaiser

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unvorstellbar
von: gebsy
27.07.2007
was Kinder erleben, ohne zu verzweifeln. An solchen Zeugnissen kann sich so mancher neu besinnen, wie gut es uns geht …

 

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