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29.04.2007

"Ich sollte nicht leben"

Josefine erzählt

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Als ich vorsichtig das Zimmer von Josefine Stelzhammer betrat, schallte mir sofort ein unwiderstehliches Lachen entgegen: „Trau dich und komm nur herein!“ Und wieder ein fröhliches Lachen. Dieser für mich so herzliche Empfang war nur der Anfang eines Gespräches, das bei mir immer mehr Faszination und Begeisterung auslöste.

Josefine ist eine bald 70-jährige Frau, lebensfroh, klug, herzlich. Und das, obwohl sie ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt ist, weil sie körperlich schwer behindert zur Welt gekommen war. Und da wären wir auch schon beim Anfang einer bewegenden Lebensgeschichte, ohne die die Welt um vieles ärmer wäre.

Im November 1936 geboren, war sie für die Ihrigen schon von Anfang an ein „Unfall“. Ihre Mutter war eine „Lebefrau“, ledig, und hatte schon zwei Kinder von verschiedenen Männern. Josefine sollte daher nicht leben und man nahm eine Abtreibung vor. Wie durch ein Wunder überlebte sie. Ihr unbändiger Überlebenswille schien ihr schon grundgelegt. Doch sie musste die Folgen der Abtreibung mit einer schweren körperlichen Behinderung bezahlen (Tetraplegie). Und es sollte noch schlimmer kommen.

Nach nur vier Tagen kam sie in die Obhut einer fürsorglichen, sehr frommen Pflegefamilie und ihre leibliche Mutter verschwand vorerst aus ihrem Leben. Dieses Glück währte jedoch nicht lang, denn 1939 marschierten die Nazis ein, die den Behinderten jedes Recht zu leben absprachen. So wurde Josefine daheim vor den Nazis versteckt.

Nur einmal war niemand zuhause und ihre leibliche Mutter drang in das Haus ein. Sie packte die 4-jährige Josefine von hinten und wollte sie den Nazis bringen. Josefine bekam furchtbare Angst und schrie instinktiv ganz laut, ohne zu wissen, wer sie da aufhob. Genau in diesem Moment kam ihr Pflegevater zurück und verhinderte das Unglück. Nur kurze Zeit später zündeten Nazis das Haus der Familie an, um Josefine und alle anderen zu töten.

Josefine wundert sich noch heute, wenn sie erzählt, dass es zwei Katzen waren, die das Feuer bemerkten und die Eltern aufweckten. Wie auf wundersame Weise schien sie wieder in letzter Sekunde davongekommen zu sein. Was hatte der liebe Gott bloß vor mit ihr, ging es mir immer wieder durch den Kopf und ich beobachtete die nette Dame aufmerksam und ein wenig mit offenem Mund.

Das neue Haus, das sie bekamen, war sehr alt und extrem feucht. 1941 erkrankte die ganze Familie an Diphtherie, damals eine noch tödliche Krankheit. Sie konnten aber im Spital behandelt werden und alle wurden nach einigen Monaten wieder gesund. Nur für Josefine hätte das öffentliche Spital den Tod bedeutet und so wurde sie jahrelang von der Familie zu Hause gepflegt. Die ganze Zeit musste sich die Familie im Haus wegen der Übertragungsgefahr verbarrikadieren. Sie täuschten eine schwere Erkältung vor, denn niemand durfte von Josefine erfahren. Nur eine Krankenschwester aus der Nachbarschaft besuchte Josefine, selbst unter größter Lebensgefahr.

Über zwei Jahre lebten sie in dieser ständigen Gefahr. Josefine musste immer im Haus bleiben. Ein weiteres Mal zeigte sich ihr unbändiger Überlebenswillen und alle überstanden diese harte Zeit. Hinzu kam noch, dass sie während dieser Zeit auch viel hungern mussten, denn mit Lebensmittelmarken wurde sowieso gespart und das Wenige wurde noch mit Josefine aufgeteilt. Trotzdem waren sie immer davon überzeugt, dass alles von Gott geplant und gelenkt wurde und so überlebten sie alle Entbehrungen und den Krieg.

Nach diesen Erzählungen lachte sie und meinte nur, dass es eigentlich gar nicht so schlimm war, viele andere hätten es viel schwerer gehabt, während dieser grausamen Zeit. Ich bekam immer mehr das Gefühl, dass ich einer sehr großartigen Frau gegenüber saß. Ein anderer Mensch ist heute wegen weit kleinerer Leiden fertig, zerbrochen oder eher psychisch krank. Vor mir aber in diesem Rollstuhl saß eine ausgeglichene, fröhliche, ja starke Frau, mit einem schelmischen Lächeln.

Doch als ich glaubte, dass sie mit ihrer Leidensgeschichte jetzt am Ende war, hatte ich mich getäuscht. Obwohl sie eine sehr gute, liebevolle und starke Beziehung zu ihren Pflegeeltern hatte, kämpfte sie immer wieder mit Gedanken an ihre leibliche Mutter und den ihr unbekannten Vater. Diese Enttäuschungen konnte sie lange nicht verarbeiten. Verstärkt wurde das alles noch, als sie ein junger Mann aus der Nachbarschaft im Alter von 11 Jahren vergewaltigen wollte. Doch wieder kam ihr unbändiger Wille zu überleben zum Vorschein und sie konnte das Schlimmste in letzter Sekunde verhindern. Sie wusste nicht, was der Bursche von ihr wollte, sie hat nur ein schlechtes Gefühl dabei und wehrte sich erfolgreich trotz ihrer Behinderung.

Schlimmer war aber, dass sie das alles niemandem erzählen konnte, denn einer Behinderten hätte man sowieso nicht geglaubt und sie musste so ganz allein damit fertig werden. 1947 starb ihr Pflegevater und das Leben wurde für die Familie noch schwieriger. Vier Jahre später ging es Josefine wieder einmal sehr schlecht und sie kam für drei Monate in das Pflege- und Altersheim in Gaißau. Aus den drei Monaten wurden drei Jahre und Jahr für Jahr wurde der Aufenthalt verlängert. Sie lebte in einer Situation der Ungewissheit und in großer Einsamkeit. Nun ist sie 55 Jahre in diesem Heim!

Doch wie von einer unbändigen Kraft getrieben, zerbrach Josefine an all diesen schlimmen Erfahrungen nicht. „Die Muttergottes hat mich durch all diese Situationen gelenkt und immer beschützt“, weiß Josefine. „Dank ihrer Gnade lebe ich heute immer noch und, mehr noch, ich habe auch eine riesige Freude am Leben und am Glauben an Jesus geschenkt bekommen, die ich anderen weitergeben möchte.“ Ein Lächeln, das ihr keiner schnell nachmachen kann, huschte über ihr fröhliches Gesicht. Der liebe Gott hatte anscheinend wirklich etwas Besonderes mit ihr vor. Kaum war Josefine ins Pflegeheim geschickt worden, lernte sie die Legion Mariens kennen.

Die Legion Mariens ist eine Gruppe in der katholischen Kirche, die sich einfach darum bemühen möchte, dass Gott mehr geliebt wird. Josefine war gerade 16 Jahre alt, fromm und gläubig, und fing sofort Feuer. Nun ist sie schon Jahrzehnte lang ein aktives Mitglied dieser Gruppe und schenkt so ihre ganze Zeit dem lieben Gott. Oft ist sie in Gaißau unterwegs und besucht Jung und Alt, um vom Glauben zu erzählen und Zeugnis zu geben.

Sie ist derzeit als Schriftführerin in der Legion tätig, führt wöchentlich, wenn es die Gesundheit zulässt, fünf Glaubensrunden, davon je zwei mit Jugendlichen und Behinderten. Zudem ist sie auch die Hauptverantwortliche für eine internationale Glaubensgemeinschaft für Kranke und Behinderte, die „Fraternität“. Sie gibt Referate und Seminare für Kranke und Behinderte, aber auch für junge Menschen.

Ich bin ehrlich beeindruckt. Eigentlich beschämt. Beschämt durch einen Menschen, der eigentlich nicht hätte leben sollen. Wie komisch manchmal die Welt zu sein scheint. – Ich schaue wieder hoch. Nebenbei verdiene sie sich mit Übersetzungsarbeiten am eigenen PC ein kleines Taschengeld um leben zu können, meinte sie gerade. Sie spricht eine andere Sprache, frage ich. Die Frau im Rollstuhl antwortete mit natürlicher Selbstverständlichkeit und einem kleinen Lächeln: „Naja, ich habe im Lauf der Jahre Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Ungarisch und Russisch gelernt. Und auch Japanisch klappt schon ganz gut...“ Jetzt krieg ich den Mund nun gar nicht mehr zu.

Sie erzählt mir noch zum Schluss, dass sie ein großer Fan unseres YOU!Magazins ist, das sie schon vor vielen Jahren kennen gelernt hat. Eine Frage habe ich dann noch, nämlich, was sie jungen Menschen von heute besonders weiter geben möchte. In ihrer gewohnt netten Weise antwortet sie mir: „Es ist sehr wichtig, sich im Glauben regelmäßig weiter zu bilden, durch lesen der Bibel und anderer Literatur, Glaubensrunden, usw., damit man immer mit beiden Füßen am Boden bleibt. Versuche auch immer allen Dingen etwas Positives abzugewinnen. Denn es kommen oft genug schlechte Zeiten und man muss dann immer wieder aufstehen und weiter gehen.“

Weiter gehen musste ich schließlich auch und ich verabschiedete mich dankend von Frau Josefine. Lange noch denke ich über das Gespräch nach. Verschiedene Szenen drängen sich mir immer wieder auf. Und manchmal frage ich mich, was der liebe Gott auch mit unsereins noch so vorhat...

Martin Rinderer

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Voll coole Frau!!
von: salatessig
15.04.2008
Absolut genial! Ich bin tief beeindruckt… Diese Frau würde ich gern einmal kennen lernen! Johannes
Mich hat es auch beeindruckt..
von: Klara
18.04.2008
..., dass sie nicht aufgegeben hat, sondern trotz allem an Jesus festgehalten hat und so viel Gutes getan hat und immer noch tut!

 

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