28.04.2007

Lust - kann das wirklich Sünde sein?

Wir würden uns wahrscheinlich über Sex gar nicht so viele Gedanken machen, wenn er vollkommen lustlos wäre. Aber es ist halt beim Menschen so, dass er i...

Und das ist auch sehr sinnvoll, sonst wären die Menschen wahrscheinlich in kürzester Zeit ausgestorben oder sie wären lauter egoistische Einzelgänger, weil man weniger Lust hätte, sich auf andere Menschen einzulassen. Ein Mensch, der seine Lust total aus seinem Leben ausklammert, alle Leidenschaften abtötet, der wird im Endeffekt nicht lieben können, weil die Liebe eben alles umfasst, den ganzen Menschen – „Lust und Liebe“. Aber trotzdem ist nicht alles, was einem Lust macht, automatisch gut. Lust kann einen oft täuschen. Die Lust kann sogar ganz verkehrt und verdreht sein, was leider manchmal bis zu einer Vergewaltigung führen kann.

Es geht daher darum zu erkennen, worauf sich die Lust richtet. Auf etwas Gutes oder auf etwas Schlechtes. Die Frage ist: „Ist das, worauf ich Lust habe, etwas Gutes oder nicht?“ Ich kann als Mensch durch die Fähigkeit zu überlegen und das Richtige zu erkennen (also durch meinen Verstand) lernen die Lust richtig einzuordnen und daher das Richtige tun.

Eine Seite in uns findet das sehr logisch. Wer will nicht lieber etwas Gutes als etwas Schlechtes? Eine andere Seite gibt es aber auch, die sagt: „Klingt das nicht total öd? Immer nur das Richtige tun, immer vorher überlegen, was man tun soll... Immer vernünftig sein... Da hat man ja keinen Spaß...“ Wären wir nicht manchmal auch lieber das „bad girl“ oder der „bad boy“? Ein bisschen verführen, ein bisschen gemein sein, sich ein bisschen Spaß gönnen, auch wenn’s auf Kosten anderer geht... Haben’s die „bad boys“ nicht lustiger? Und verbietet die Kirche nicht alles, was Spaß macht, fordert dafür viele fromme Dinge zu tun und auf alles andere zu verzichten...?

Wer so denkt, der hat das Christentum leider überhaupt nicht verstanden, denn dann hat er nicht kapiert, dass das „bad“-Sein in Wahrheit gar nicht lustig ist. Und er hat genauso wenig kapiert, dass nicht alles, was Lust macht, gleichzeitig auch schlecht sein muss. Es gibt zwei extreme Haltungen, die weder katholisch, christlich noch gut sind: Zum einen, dass ich alles mache, worauf ich Lust habe, auch wenn es nicht gut für mich ist – das wäre die Zügellosigkeit bzw. Unbeherrschtheit. Zum anderen, dass ich alles unterdrücke, was mir irgendwie Lust bereitet – das wäre Verdrängen, im Glauben, dass Lust-Haben überhaupt schlecht ist. Wer somit nicht zügellos sein will, wählt eben leider oft das Unterdrücken. Und dann kommt die Reaktion des zu heißen Druckkochtopfes: Er explodiert.

Dabei heißt das erste Gebot: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und all deiner Kraft! Was ist aber diese Kraft anderes als unsere Leidenschaften? Lieben mit unserer ganzen Lust!? Nicht verdrängen, sondern die Lust an der wahren Sache haben. Die Lust in uns nutzen, um Gott und den Nächsten immer mehr zu lieben! Wenn uns dieser Gedanke komisch vorkommt, dann sehen wir, wie weit weg wir noch von Gottes Plan sind. Aber wer hat schon Lust auf einen gefälschten 500-Euro-Schein, wenn er einen echten haben kann? So macht letztendlich immer die Wahrheit mehr Lust als das Falsche, das Gute mehr Freude als das Schlechte.

Wir müssen uns auch noch ein paar Gedanken darüber machen, was wir eigentlich unter dem Wort „Lust“ verstehen. Wenn wir sagen: „Ich habe Lust heute Abend ins Kino zu gehen“, so ist das etwas anderes als Lust auf eine Wurstsemmel und wieder etwas anderes als die sexuelle Lust. Gemeinsam ist, dass all diese Dinge etwas Angenehmes für uns bedeuten. Sie erfüllen eine gewisse Sehnsucht. Und wird diese erfüllt, empfinden wir Freude. Lust betrifft unsere Sinne, weniger unsere geistige Ebene. Sie ist daher auch schnell wieder vorbei. Ich habe zum Beispiel eine große Lust auf eine Wurstsemmel. Eine ganz frische Semmel mit viel Extra-Wurst. Vielleicht sogar mit Gurkerln drin. Also kauf ich mir eine im Supermarkt. Ich frage die Semmel nicht, ob sie sich von mir essen lassen möchte. Ich denke auch nicht dran, wie es ihr dabei geht. Sondern ich nehme sie ganz allein zu meinem Vergnügen, nur für mich, koste und genieße diesen herrlichen Geschmack und freue mich über meine Wurstsemmel. Doch bin ich satt, ist die Lust am Wurstsemmelessen vorbei und ich denke nicht einmal mehr dran...

Solang sich nun diese Lust auf eine Sache bezieht, wie eben etwa eine Wurstsemmel, ist das auch in Ordnung. Ich nehme etwas und gebrauche es, um mir Lust zu verschaffen. Bezieht sich aber meine Lust nun auf ein anderes geistiges Wesen, also auf einen anderen Menschen, stoße ich sofort auf seine Freiheit und auf seine Würde, die er genauso hat wie ich. Und meine Würde als Mensch bedeutet, dass ich nie nur benutzt werden darf wie eine Sache, nie bloß ein „Lustobjekt“ sein darf.

Die Würde schließt die ganze Wahrheit eines Menschen mit ein: seine Fähigkeit zu lieben, seine Freiheit, seine Fruchtbarkeit, sein ganzes Leben, den Menschen als Abbild Gottes. Wenn ich vor einem anderen Menschen stehe, dann stehe ich immer vor dieser ganzen Wahrheit. Und hier wird’s kompliziert. Denn meine Lust, vom anderen etwas zu „erhalten“, muss im Einklang mit dieser ganzen Wahrheit sein. Und das heißt zu geben ohne an meine Lust zu denken, zu geben ohne etwas zu erwarten. Ist es nicht das, was wir unter Liebe verstehen?

Und jetzt wird es wirklich kompliziert Wir können uns nämlich in einer Liebesbeziehung prüfen, wie echt unsere Liebe zu unserem Partner manchmal wirklich ist. Lieben wir ihn für das, was er ist, in seiner ganzen Wahrheit, oder lieben wir manchmal einfach mehr unser eigenes Gefühl des Verliebtseins? Lieben wir den anderen in seinem innersten Wesen oder lieben wir eigentlich mehr die schönen Gefühle der Zärtlichkeiten und Berührungen?

Diese Fragen wird sich jeder für sich in seinem eigenen Herzen selbst stellen müssen. Das heißt jetzt nicht – und das muss man ganz fest betonen – dass Gefühle und Zärtlichkeiten schlecht oder unwichtig sind. Aber sie können weder das Fundament noch das Ziel einer Liebesbeziehung sein. Das menschliche Herz verlangt viel mehr. Es verlangt ohne Eigennutzen geliebt zu werden. Erst wenn man diese Wahrheit vor Augen hat, bekommen die Gefühle, die Leidenschaften, die Lust, das heißt all unsere Sinne, ihre eigentliche Bedeutung und Erfüllung.

Um das zu erkennen, muss man weder christlich noch religiös sein. Der Glaube ist vielmehr dann die Erfahrung, dass so eine Liebe real und konkret lebbar wird. Jesus ist nämlich in der Bergpredigt ganz deutlich: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern anblickt, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,27-28).

Wir kennen unser Herz und wissen, dass genau dort der Ort ist, wo wir auf unseren Blick achten müssen. Jesus ist in diesem Punkt wirklich streng. Fast zu streng. Aber es geht ja auch um die Liebe. Doch Jesus ist nicht gekommen, um zu richten und zu verurteilen, sondern um zu retten. Er sagt nicht: „Ihr seid alle Ehebrecher und müsst daher sterben“, sondern er sagt: „Ich sterbe für euch, damit ihr erkennt, was Liebe ist“. Er stirbt am Kreuz. Am ganzen Leib zerschlagen. Entblößt vor allen Augen. Wenn wir so Jesus betrachten: Wie können wir dann noch auf den Leib eines anderen Menschen mit einer eigennützigen Lust schauen? Haben wir darüber schon einmal nachgedacht?

Der Mensch ist durch Jesus erlöst. Das heißt, dass er seine Lust weder unbeherrscht ausleben noch verkrampft verdrängen muss, weil im Letzten keine Liebe „Lust macht“, die weniger ist als die Liebe Jesu in seiner vollen Hingabe. Das geht zwar nicht von heute auf morgen. Das kann anstrengend und mühsam sein. Man wird immer wieder neu anfangen müssen, aber man wird die Wandlung des Herzens nach und nach erfahren.

Ganz konkret möchte ich dir dafür folgendes Gebet mitgeben: „Jesus, ich danke dir für meinen Leib und die Fähigkeit in und durch meinen Leib zu lieben. Nie und nimmer möchte ich den anderen als eine Sache sehen, die man benutzen kann. Ich lege dir diese meine verdrehten Gedanken hin: Dreh du sie wieder richtig, damit ich den anderen in seiner vollen Wahrheit sehen und lieben kann, weil dann meine Freude - und nicht bloß die Lust – am größten wird.“

Jesus sagt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben gibt. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (vgl. Joh 15,11-13).

Quellen: "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. und "Thology of the Body Explained" von Christopher West.

Michael Cech

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