28.04.2007

Der Sexualtrieb – Antrieb zu lieben?

Das Gegenteil von lieben - spricht man hier von der zwischenmenschlichen, aufeinander ausgerichteten Liebe - ist nicht hassen, sondern benutzen. Die schmerzliche Erfah...

So hast du zum Beispiel sofort viele „Freunde“, wenn sie von dir etwas haben können – dein Jausenbrot, einen Schokoriegel oder auch eine Hausübung. Dann kommt die schmerzliche Erkenntnis: „Der wollte nur etwas von mir...“ Oder man freundet sich mit Leuten an, die größeren Einfluss haben, in einer Klasse oder auch in der Arbeitswelt. Meist geht es hier nicht um den Menschen selbst, sondern nur darum, was er nutzt, was er mir bringt. Wir sind deshalb schon misstrauisch geworden. Verhält sich jemand nett, folgt als erste Reaktion: „Was will der von mir? Warum ist der so freundlich?“

Auf der anderen Seite wollen sich manche eben so „ihr Glück kaufen“ (indem sie in die Schule immer viele Schokoriegel mitnehmen), nur um die Anerkennung oder Freundschaft zu bekommen, nach der sich doch jeder sehnt. Sie „verkaufen sich unter ihrer Würde“ – denn die Würde des Menschen ist, dass er nie wie ein Ding benutzt werden darf. Es gibt hier viele Beispiele und wir können uns nur prüfen, wie eigennützig selbst unsere Freundschaften oft sind. Schlimm wird es, wenn diese Haltung in einer Beziehung da ist. Zum Beispiel wenn das Mädchen die „Freundin zum Herzeigen“ wird oder umgekehrt der „reiche Ehemann“ nur geliebt wird, weil sie sich dann alles kaufen kann... Diese Beispiele sind vielleicht in der einen oder anderen Weise gar nicht so weit weg von unseren eigenen Erfahrungen. Und wir wissen, wie wenig das mit Liebe zu tun hat.

Wenn es nun um die Liebe geht, müssen wir uns besonders bemühen, den anderen nie zu benutzen. Sobald ich den anderen irgendwie benutze, entferne ich mich von der Liebe. Lieben heißt, sich dem anderen zu schenken. Sich zu schenken, ohne etwas zu erwarten. – Aber ist das überhaupt möglich? Darf ich mir denn überhaupt nichts vom anderen erwarten? Beruht nicht Liebe auf Gegenseitigkeit? – Das ist vielleicht das Geheimnis der Liebe, dass ich dann glücklich werde, wenn ich mich ganz hingebe. Sicher wird das in einer Beziehung nur lebbar, wenn sich beide darum bemühen. Wenn sich aber beide immer wieder neu einander hingeben, dann wird die Liebe zu einem gegenseitigen Geschenk. Ist nicht das die „schöne Liebe“, die wir im Innersten suchen?

Am schwersten fällt es uns, den anderen nicht zu benutzen, wenn es um die Sexualität geht. Jeder Mensch hat seinen Sexualtrieb. Dieser ist vorhanden ähnlich dem Trieb zu essen, Nahrung aufzunehmen. In gewisser Weise zeigt uns der Trieb – ohne dass wir es gelernt haben – was für unser Leben wichtig ist. Wenn wir nicht den natürlichen Trieb hätten, regelmäßig zu essen, wäre das sicher ein Problem.

Auch der Sexualtrieb hat eine Bedeutung. Wenn wir ihn auf der Ebene der Tiere betrachten, dann sehen wir, dass der Sexualtrieb notwendig für die Arterhaltung ist, für die Weitergabe des Lebens. Das gilt sicher auch beim Menschen. Aber was unterscheidet den Menschen vom Tier zusätzlich? Nur der Mensch kann lieben. Ist nicht beim Menschen gerade die Weitergabe des Lebens so tief an die Liebe gebunden?

Der Mensch ist nicht nur ein Leib mit Instinkt. Der Leib des Menschen ist durchdrungen mit seinem Geist. So hat auch zum Beispiel das Essen beim Menschen eine tiefere Bedeutung als beim Tier. Das gemeinsame Essen ist immer auch ein Ausdruck von Gemeinschaft. Wir nehmen nicht nur einfach Nahrungsmittel auf. Wir erleben dabei auch Gemeinschaft. Noch auf viel stärkere Weise ist die Sexualität beim Menschen nicht einfach nur notwendig zur Weitergabe des Lebens, sondern Sex wird zum geistigen Austausch zweier Personen, die sich zu einem gemeinsamen „Wir“ verbinden. Ist es nicht interessant, dass sich die Menschen – im Gegensatz zu den Tieren – bei der geschlechtlichen Vereinigung in die Augen blicken? Wie großartig ist doch die Sprache unseres Leibes...

Genauso wie uns also der Ernährungstrieb zeigt, dass wir essen müssen, um zu leben, zeigt uns der Sexualtrieb tief in unserem Inneren, dass wir nur leben können, wenn wir lieben. Dieser Trieb ist ja die erste Grundlage, die uns zum anderen hinzieht. Die Sehnsucht nach einer Verbindung, einer Vereinigung mit dem anderen. Allein sind wir unvollkommen. Wir spüren, dass wir nicht allein glücklich werden können. Wir brauchen die Ergänzung eines „Du“.

Aber hier kommt die Herausforderung: Das „Du“ darf niemals nur benutzt werden, um den Trieb zu „befriedigen“. Wenn uns der Sexualtrieb zeigt, dass wir den anderen lieben sollen, lieben aber niemals benutzen heißt, dann wird dieser Trieb nie wahrhaft befriedigt werden, wenn die andere Person zum Selbstzweck benutzt wird. Viele Menschen suchen nach einem „Immer-Mehr“ in einer schnellen sexuellen „Befriedigung“, werden aber nie zufrieden, weil sie nicht das finden, was sie eigentlich suchen. Ist es nicht das, was wir in unserer Welt sehen?

Der Sexualtrieb erhält dann seine Erfüllung, wenn der Mensch in seinem ganzen Wesen, in seiner ganzen Person liebt, mit seinem Leib, mit seiner Seele. Er drängt den Menschen, sich ganz hinzugeben. Dabei muss aber nun der Mensch dafür gerade stehen, dass seine Hingabe ein wirkliches Geschenk ist. Das ist eine Entscheidung, die er mit seinem Geist, mit seinem Verstand trifft. Die Worte „Ich liebe dich“ sind in erster Linie eine Entscheidung – mit all ihren Konsequenzen – und nicht das Zusammentreffen verschiedener Hormone...

Genau hier befinden wir uns am großen Schlachtfeld unseres Lebens. Im Herzen des Menschen findet eine Schlacht statt, wo wir uns zwischen der aufrichtigen Hingabe und der schnellen Befriedigung einer Begierde entscheiden müssen. Der Mensch erlebt diesen Kampf, weil er die Einheit zwischen seinem Denken und seinen Gefühlen, zwischen seinem Geist und seinem Leib verloren hat. Wir wollen die wahre Liebe, werden aber zum Benutzen des anderen getrieben. Der Sexualtrieb treibt uns weniger zur „schönen Liebe“ als viel mehr zu einer schnellen Befriedigung. Wir haben das Geistige vom Leiblichen getrennt, die Spiritualität von der Sexualität. Das – so sagt uns nun unser Glaube – war nicht der Plan für den Menschen.

Gott hatte einen anderen Plan für den Menschen. Er hat ihn geschaffen als Einheit von Leib und Seele. Das Geistige war nicht getrennt vom Leiblichen, von der Sexualität. Wir haben schon in den früheren Teilen dieser Serie darüber gesprochen, dass das eine Erfahrung ohne Scham war. „Adam und Eva waren nackt, schämten sich aber nicht voreinander“ (Gen 2,25). Wir, die wir heute leben, kennen aber die Erfahrung von Scham. Wir kennen auch diese Trennung in unserem inneren Leben, zwischen Leib und Geist. Wir kennen den Kampf in unserem Herzen. Mit der ersten Sünde des Menschen – in der Bibel wird das symbolisch beschrieben mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis (Gen 3) – entstand diese Trennung zwischen Geist und Leib. Der Geist, den Gott dem Menschen eingehaucht hatte (Gen 2,7), sein Heiliger Geist, starb im Herzen des Menschen. In der Bibel wird das beschrieben mit der Vertreibung aus dem Paradies (Gen 3,24).

Wir sind nicht mehr im Paradies. Wir erleben den Sexualtrieb oft und vor allem als eigennützigen Trieb, der zuerst an die eigene Befriedigung denkt. Wir erleben die Begierde in unserem Herzen, die im anderen ein Objekt sieht, das man benutzen kann. „Das Objekt der Begierde“, wie es so schön im Radio heißt... Trotzdem, hinter all dem entdecken wir tief im Inneren, ganz verborgen, die wahre Bedeutung des Sexualtriebs. Es ist wie ein Echo in unserem Herzen, das aus dem eigentlichen Plan für die Sexualität nachklingt. Wenn wir uns bemühen, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen, können wir die Bedeutung des Leibes erkennen. So führt uns der Leib mitten in das Geheimnis der wahren Liebe, der „schönen Liebe“.

Die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen, lernen wir vor allem durch das Gebet. Obwohl wir nicht mehr im Zustand des Paradieses leben, möchte uns Gott seinen Heiligen Geist von neuem schenken, wenn wir beten. Und hier befinden wir uns mitten im Geheimnis der Erlösung! Das ist das „neue Leben“, das Gott uns schenken möchte. Durch seinen Geist, den er uns „einhaucht“ (Gen 2,7), erfahren wir eine neue Einheit von Leib und Seele, von Geist und Sexualität. Das geht zwar nicht ohne unser Bemühen, ohne den Kampf in unserem Herzen, aber es ist eine Auferstehung, die wir konkret erleben können.

„Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben... Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. (Eph 2,3-5)“

Quellen: "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. und "Thology of the Body Explained" von Christopher West.

Michael Cech

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