28.04.2007

Liebe – was ist das?

Wenn über Sex gesprochen wird, hält man im Allgemeinen für das wichtigste Kriterium, dass man sich selbst dafür bereit fühlen muss. Wenn es f&...

Es ist so, als wenn man sagt, das Natürlichste in der Welt sei es, ohne Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen. Es macht doch Spaß... Ja, am Anfang vielleicht. Aber der Mensch ist eben nicht dafür geschaffen ohne Fallschirm oder Paragleiter zu fliegen. Es entspricht nicht dem Menschen. Es ist nicht „menschlich“. Wer das Ziel nicht vor Augen hat, wird einen bitteren Aufprall erleben.

In den vergangen Artikeln dieser Serie haben wir ziemlich ausführlich darüber nachgedacht, in welcher Weise Sex mit Gott in Verbindung steht. Wenn Sex nicht mit der Liebe verbunden ist, dann entspricht es dem Menschen nicht. Wahrhaft menschlich aber wird Sex letztlich in Hinblick auf Gott, weil er uns nach seinem Bild geschaffen hat. Wie viele erleben heute diesen schmerzlichen Aufprall der endlosen Enttäuschungen in ihren Beziehungen, weil sie Gott ausklammern. Wie viele wollen eben schon zu früh vom Flugzeug springen, ohne den Paragleiter angeschnallt zu haben, weil sie nicht bis zur Ehe warten können.

Was aber unterscheidet die Ehe von einer anderen Beziehung? Was ist denn wirklich der Unterschied? Vielleicht gar nicht so sehr der Paragleiter, vielmehr dass der, der den Schritt der Ehe macht, gelernt hat zu fliegen. Er hat gelernt, was es heißt zu lieben.

Zu Recht muss man aber zugeben, dass auch viele Verheiratete kein echtes Beispiel gelebter Liebe geben. Kein Mensch kann sagen, jetzt hat er die Liebe total begriffen oder jetzt ist er perfekt darin. Die Liebe ist letztlich ein Geheimnis, so wie Gott auch ein Geheimnis ist. Jeder wird lernen müssen es immer mehr zu verstehen und zu leben. Trotzdem gibt es einige Grundvoraussetzungen, die man wissen sollte und die eben das Charakteristische der Ehe ausmachen.

Als Ausgangspunkt nehmen wir wieder das her, was Gott selbst uns zu diesem Thema sagt, das Wort Gottes, die heilige Schrift. Ganz am Anfang lesen wir in Genesis 2,23 von der übergroßen Freude, die der Mensch empfand, als er zum ersten Mal Eva, seine Frau, sah: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Und weiter: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und die beiden werden ein Fleisch. Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,24-25).

Der erste Punkt ist, dass unser Leben ein einziges Geschenk ist. So wie Eva dem Mann von Gott geschenkt wurde, ohne dass er irgendwie geholfen hatte, so ist ihm selber das Leben geschenkt worden. Wer von uns hat sich ausgesucht zu leben? Wer hat uns unser ICH, unser Bewusstsein, gegeben? Ich bin ich und niemand anders. Ich bin gewollt, so wie ich bin, von Ewigkeit her, einfach weil Gott mich gewollt hat!

Die Kirche sagt das ganz deutlich: „Der Mensch ist auf Erden die einzige Kreatur, die um seiner selbst willen gewollt und erschaffen ist.“ Um seiner selbst willen! Wir sind nicht bloß zufällig da und auch nicht, damit wir für irgendjemand irgendetwas machen sollen. Wir sind da, einfach weil Gott will, dass ich da bin. Das heißt es Geschenk zu sein. }³{Und noch viel mehr: Gott will den Menschen dadurch beschenken, dass er ihn an seinem göttlichen Leben teilhaben lässt. Nicht nur irgendein Leben, sondern göttliches Leben! Was heißt das? Das heißt glücklich zu werden. Glücklich zu werden, indem wir selbst für andere zum Geschenk werden.

Ist das nicht das Gegenteil, von dem, was wir heute hören? Heute heißt es: „Ich brauche Zeit für mich, darum habe ich keine Zeit für dich. Ich will das Beste aus meinem und für mein Leben herausholen. Was bringt mir etwas ein? Ich mache das und das, weil ich spüre, das brauche ich. Ich möchte mich selbst verwirklichen...“

Und auf der anderen Seite bezeugt uns Gott, dass der Mensch sich nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann. Selbstverwirklichung durch Hingabe. Sich-selbst-Finden durch Sich-selbst-Schenken. Das scheint verkehrt zu sein, ist es aber nicht.

Johannes Paul II. hat eine der schönsten Definitionen der Liebe gegeben: „Lieben heißt, alles geben und empfangen, was man weder kaufen noch verkaufen, sondern sich nur aus freien Stücken gegenseitig schenken kann.“ Geben und Empfangen aus freien Stücken.

Der Unterschied zwischen Flirten und einer ernsten Beziehung ist, dass ich beim Flirten für den anderen interessant sein möchte, dass er mich annimmt. In der Liebe ist es die Frage, ob ich den anderen annehme und was ich ihm gebe. Ich kann mich schenken, weil ich weiß, dass ich ein Geschenk bin, ein Geschenk Gottes.

Der zweite Punkt ist die Entscheidung. In der heiligen Schrift hat es geheißen: „Darum (weil er Geschenk ist) verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich...“ Dieses Verlassen und sich Binden ist ein klarer Schritt einer Entscheidung. Irgendwann nach den Gefühlshöhen des Sich-Kennenlernens kommt der Punkt, der eine Entscheidung verlangt: „Geht das mit uns beiden? Passen wir zusammen? Kann ich mich dir schenken?“ Ohne einen solchen klaren Schritt bleibt die Liebe nur auf einer sehr gefühlsmäßigen Ebene und wenn es mal nicht klappt, trennt man sich wieder. Das ist die zweite paradoxe Gesetzmäßigkeit der Liebe – die erste war Selbstverwirklichung durch Hingabe – die zweite ist Freiheit durch Bindung.

Die Freiheit in der Liebe zeichnet sich dadurch aus, dass man sich klar entschieden hat: „Ich will dich lieben in guten und in schlechten Tagen – auch wenn mein Gefühl einmal nicht mitmacht“. Das Gefühl hat nämlich die Eigenschaft, dass es sehr unterschiedlich und wankelmütig sein kann. Daher ist die wahre Liebe eine Entscheidung. Wenn du lieben willst, dann liebst du. Und das Gefühl wird da sein, weil es sich schließlich nach dem Willen richtet. Das ist der Grund, warum die Entscheidung zu einer Beziehung gut überlegt und vorbereitet werden muss. Die Hochzeit ist der Tag, an dem diese Entscheidung ganz offen vor allen, vor Zeugen und vor Gott getroffen wird. Man könnte fragen, was sich vor oder nach der Hochzeit geändert hat. Es ist letztlich diese klare Entscheidung.

Sie ist die Grundlage für das totale Vertrauen in den anderen: „Ja, er hat sich mir aus freien Stücken geschenkt. Darum kann ich mich ihm wirklich hingeben, ohne Gefahr dass er mich fallen lässt.“ Das ist der dritte Punkt, der die Ehe ausmacht: die Treue. Zum einen das Vertrauen, dass die Liebe wahr und echt ist. Zum anderen Treue als Hingabe bis zum Tod. Doch ist das heute noch vorstellbar, wo jede zweite Ehe wieder auseinander geht? Ja, ist es. Mit dem Blick auf Gott, mit dem entschiedenen Willen den anderen zu lieben und dem täglichen Kampf die Tiefe der Liebe immer mehr zu erfassen, ist es möglich! Gib nicht auf an dieses Ideal zu glauben, nur weil so viele nicht mehr daran glauben!

Gott sagt uns: „Die beiden werden ein Fleisch“ (Gen 2,24). Was eins geworden ist, ist nicht mehr zwei! Es ist nicht gedacht, wieder getrennt zu werden. In der Sexualität wird dieses „ein Fleisch werden“ ganz konkret. Die geschlechtliche Vereinigung bringt die Entscheidung, das Geben und Empfangen, die liebende Verbindung in einer Weise zum Ausdruck, die wirklich erstaunlich ist. Die Eheleute werden zum Geschenk füreinander und gleichzeitig können sie zum Schenken und Empfangen eines neuen Lebens werden! Können wir darüber noch staunen?

Der vierte Punkt unseres Bibelzitates heißt: „Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,25). Eine Ehe, die im Blick auf Gott geschlossen ist, hat nicht sich selbst zum Ziel sondern Gott. Der Mann sieht somit die Frau nicht als Objekt seines Spaßes und umgekehrt, sondern sie blicken beide auf Gott, von dem sie die Erfüllung erwarten. Die Scham kommt daher, dass einer den anderen mehr als Sache seiner Befriedigung sieht und nicht als ganze Person. Die körperliche Vereinigung ist aber der Ausdruck einer tiefen innerlichen Gemeinschaft. Ist es nicht verwunderlich, dass bei diesem Einswerden die Gesichter zueinander kommen, sodass sich beide Aug in Aug gegenüber sind? Es ist einzigartig im Bereich der Lebewesen. „Sie schämten sich nicht voreinander“, weil sie den anderen als Person mit seinem Wert und seiner Würde sahen, von Gott „um seiner selbst willen gewollt und geschaffen“, um in der Gemeinschaft „Abbild seiner Liebe“ zu sein.

Quellen: "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. und "Thology of the Body Explained" von Christopher West.

Michael Cech

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