28.04.2007

Das große Drama

Es ist nicht egal, was wir mit unserem Körper machen, denn es ist kein Zufall, dass wir einen Leib haben und dass er so ist, wie er ist. Es ist kein Zufall, dass ...

Unsere Seele und unser Leib sind eine Einheit. Diese Einheit ist das, was wir unter einer Person verstehen. Daher können wir nicht unsere Sexualität leben, ohne dass es die ganze Person betrifft, was soviel heißt, dass es unser ganzes Sein und Leben betrifft. Unser Körper ist daher auch kein Spielzeug und Sex nicht nur eine „spaßige Abwechslung“.


Was gibt es Schlimmeres, als wenn ein Bursch mit der Liebe eines Mädchens spielt, sie nur ausnutzt oder sogar benutzt? Was gibt es Schlimmeres, als wenn ein Mädchen mit den Gefühlen eines Burschen spielt? Aber wie leicht fühlt man sich (als Mädchen oder Bursch) ausgenutzt, weil der andere doch nur an sich gedacht hat und mich nicht ernst nimmt. Ich möchte ihm/ihr doch etwas wert sein – als ganze Person, nicht nur äußerlich...

Ein Bursch fühlt sich benutzt, wenn ein Mädchen immer nur verlangt, ihm aber keine Anerkennung schenkt. Ein Mädchen fühlt sich wie eine Sache, wenn der Bursch nur seine Befriedigung sucht. So kann der Leib zu einem Hindernis für die Liebe werden.

Irgendetwas läuft da falsch in unserer Welt. Der Leib, der doch von Gott geschaffen wurde, um die Liebe ganz real zu leben, wird auf einmal zum Hindernis für die Liebe. Wir sind ja als Gottes Abbild geschaffen – Gott ähnlich, der die Liebe ist. Der Mensch ist daher berufen die Liebe zu leben. Und berufen heißt das, wozu wir gedacht sind, wie wir die Erfüllung im Leben finden. Es steht in unserem Leib eingraviert – schon ganz objektiv gehören Mann und Frau zueinander, sie passen im wahrsten Sinn des Wortes zusammen!

Liebe und Sexualität wird daher verständlich, wenn wir diese Berufung zur Liebe erkennen. Wenn wir entdecken, dass Gott uns geschaffen hat und dass wir an seiner Liebe, letztlich an seinem göttlichen Leben teilhaben. Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Bild, ein Vorgeschmack dafür. Das genau bedeutet es Abbild zu sein...

„Alles ist auf Gott hin geschaffen“ – so steht es in der heiligen Schrift –, weil Gott allein uns glücklich macht. Das heißt, alles – die Natur, die Tiere, die Menschen – alles ist nur dafür da, damit wir die Liebe Gottes erkennen und leben können. Und das gilt speziell auch für die Sexualität. Die Sexualität als der intimste Ausdruck der Liebe zweier Menschen könnte uns direkt zum Geheimnis Gottes führen – also zu unserem Ziel! Aber „könnte“ deshalb, weil es eben vielfach nicht so ist. Unser Leib wäre dazu da, um durch ihn Gott zu erkennen.

Gott ist eben nicht nur ein Traum, eine Idee – sondern er wollte sich fassbar und handgreiflich machen durch eine Liebe, die durch unseren Leib handfest wird. Das wäre das Leben gewesen. Und das war das Leben im Paradies. Das war das Leben von Adam und Eva, wie es in den ersten Kapiteln der heiligen Schrift beschrieben ist. Der Leib war hier kein Hindernis für ihre Beziehung zueinander und zu Gott, sondern ließ sie teilhaben am Geheimnis seiner Liebe. Das wird ausgedrückt durch die bedeutungsvolle Aussage: „Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,25).

All das kennen wir nicht. Wenn jemand mit den Fingern schnippen würde und alle wären ohne Kleider – was wäre unsere erste Reaktion? Wir würden versuchen uns zu bedecken, vor allem die Stellen unseres Körpers, die uns vom anderen Geschlecht unterscheiden. Wir kennen Scham. Wir schämen uns voreinander. Unser Blick auf den anderen ist nicht: Durch dich kann ich Gott erkennen! Wir sehen nicht, dass alles auf Gott hin geschaffen ist. Wir glauben nicht, dass Gott allein uns glücklich macht. Wir glauben nicht, dass Gott uns an seinem göttlichen Leben teilhaben lassen möchte – sondern wir wollen selber entscheiden, was uns glücklich macht, wir wollen selber sein wie Gott...

Aber waren nicht gerade das die Worte der Schlange? Er, der der Lügner von Anfang an war, sagte zum Menschen: „Nein, ihr werdet nicht sterben, wenn ihr von dem Baum esst, sondern ihr werdet sein wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (vgl. Gen 3,4-5). Drei Versuchungen, drei Lügen. Satan ist der Lügner und der Entzweier. Durch das Misstrauen, das er zwischen den Menschen und Gott sät, dass Gott dem Menschen etwas vorenthalten möchte, ihm nicht alles schenken möchte, hat er sein Ziel erreicht: die Trennung dessen, was Gott verbunden hat – Trennung zwischen Gott und dem Menschen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Mann und Frau, zwischen Körper und Seele, zwischen Spiritualität und Sexualität. Der Mensch ist gestorben, weil er Gottes Leben verloren hat. Der Mensch weiß letztlich nicht mehr, was gut und böse ist. – Und wir erfahren das tagtäglich.

Adam und Eva haben nicht glauben können, dass Gott ihnen alles schenken möchte. Dabei war ihr ganzes Leben ein einziges Geschenk. Gott braucht den Menschen nicht. Aber er möchte, dass es uns gibt und dass wir glücklich werden. Und wir glauben das nicht. Mit diesem Misstrauen kommt es zur Sünde des Menschen. Es ist die Ur-Sünde. Was ist die Folge? Was war nach dem Bruch mit Gott die erste Reaktion? Die heilige Schrift berichtet: „Sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.“ Vorher hat es geheißen: „Sie waren nackt und schämten sich nicht.“ Was war passiert? Irgendetwas – gerade auch in Bezug zur Sexualität – hat sich grundlegend verändert.

Ihr Blick aufeinander war verändert, weil die wahre Liebe in ihnen gestorben war. Adam blickte auf Eva nicht mehr mit den Augen der Hingabe. Sein Blick war nun besitzerisch, verlangend. Die Frau war zur Sache seiner Befriedigung geworden. Das war die radikale Wende durch die Ursünde. Von nun an heißt es nicht mehr: „Ich schenke mich dir“, sondern: „Ich will haben. Gib mir!“ Die Folge ist, dass wir uns bekleiden, weil wir nie und nimmer wie ein Ding, wie eine Sache angesehen werden wollen. Und es ist notwendig, dass wir uns bekleiden. Denn wir leben in dieser Welt, in der etwas kaputt gegangen ist.Es ist das Drama unserer Welt.

Es ist das Drama der Sexualität. Dort wo wir der Liebe so nahe sind, dort kann man die Liebe nun am stärksten zerstören. Es ist ein Kampf, den wir seit damals nun in uns zu kämpfen haben. Der Kampf gegen die Begierde in uns, die den anderen für sich selbst benutzen möchte. Es wird unser ganzes Leben kosten, den Blick auf den anderen wieder zu verändern, zu reinigen.

Aber Gott lässt uns hier nicht allein. Er selbst gibt die Antwort durch seine totale Hingabe bis zum Tod am Kreuz. Er zeigt uns, was es bedeutet wirklich zu lieben. Er kann in uns den Blick auf den anderen wieder erneuern. Durch die Beziehung zu Gott, zu Jesus, wird die Liebe wieder so, wie sie gedacht war, weil wir unsere letzte Erfüllung nicht allein im Partner suchen, der einem das nie geben kann. Die menschliche Liebe wird wieder so, dass sie uns zur Gemeinschaft mit Gott führt. Jesus sagt uns: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen!“ – Oder anders: „Wenn ihr die Liebe und Sexualität auf mich ausrichtet, dann habt ihr wirklich Anteil an meinem göttlichen Leben. Dann könnt ihr jeden Tag tiefer in dieses Geheimnis eindringen und euch treu sein bis in den Tod, so wie ich euch treu bin!“

Es mag sein, dass es ein ständiges Bemühen ist, ein Fallen, aber auch ein wieder Aufstehen – jeden Tag ein Stückchen näher dieser „wahren Liebe“ oder der „Liebe in der Wahrheit“!

Quellen: "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II., "Thology of the Body Explained" von Christopher West, "Dein Leib geschaffen für die Liebe" von Daniel Ange.

Michael Cech

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