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26.04.2007

Dan Brown weiß es besser…

Eine kritische Beleuchtung des Films

von Andreas Thonhauser

Der ideologischer Ausgangspunkt: Jesus überlebte seinen Tod, heiratete Maria Magdalena und gründete eine Dynastie in Frankreich. Leonardo da Vinci, der dies angeblich wusste, platzierte deshalb in seinem berühmten Gemälde des letzten Abendmahls Maria anstelle des geliebten Jüngers Johannes an der Seite Jesu. Die Kirche habe nun seit damals versucht all diese Spuren auszulöschen...

Eigentlich ist es großartig! Mit dem Erfolg von Mel Gibsons Film Die Passion Christi wurde Jesus und der Glaube auch in Mainstream wieder populär. Die Medien diskutierten lebhaft über Religion, gläubige Menschen und Jesus Christus. Mit Sakrileg oder auf Englisch The Da Vinci Code kommt ein Film in die Kinos, der diese Diskussionen wieder ordentlich anheizen wird. Der Film verspricht ungeahnte Erfolge zu feiern und das nicht nur, weil der berühmte Tom Hanks und Audrey Tatou (bekannt aus Die fabelhafte Welt der Amelie) die Hauptdarsteller spielen. Bereits das gleichnamige Buch von Dan Brown war ein absoluter Beststeller (über 30 Millionen verkaufte Exemplare, davon eine Million allein in Deutschland). Das Thema scheint zu begeistern. Für die wenigen, die es noch nicht wissen: Sakrileg handelt letztendlich von Jesus Christus. Ein Geheimorden namens Prieure de Sion hütet das Geheimnis um den Gottessohn und seines Erbes und gibt dieses Wissen von Generation zu Generation weiter. Ständig bedroht von der katholischen Kirche und vom Opus Dei, einer katholischen Gemeinschaft, agiert der Orden im Verborgenen, bis es Opus Dei schließlich gelingt, die Hüter des Geheimnisses ausfindig zu machen und zu ermorden. Ein Wettlauf um den heiligen Gral – so wird das Wissen um Christi Erbe schließlich genannt – beginnt. Spannend erzählt. Detailreich ausgeschmückt. Sakrileg ist kein schlechter Roman. Wenn es nur ein Roman wäre...

Millionen haben Sakrileg gelesen. Und Millionen haben sich gefragt: Hat Jesus wirklich ein Kind mit Maria Magdalena gehabt? Hat die Katholische Kirche wirklich gemordet und verraten, um das Wissen um den „heiligen Gral“ auszulöschen? Leben die Nachfahren Jesu Christi heute noch? Der gebildete Mensch weiß: Ein Roman erzählt eine Geschichte, und zwar (per definitionem) eine erfundene. Das Ganze nennt man dann Fiktion und steht im Gegensatz zur Realität. Diese wird für gewöhnlich in Sachliteratur erzählt. Natürlich verschwimmen hier die Grenzen oft. Daniel Defoe, der mit Robinson Crusoe einen der ersten Romane der Geschichte schrieb, behauptete zum Beispiel dreißig Jahre lang, dass jedes Wort seines Romans wahr sei, und dass er das Manuskript für sein Buch von Robinson Crusoe persönlich bekommen habe. Dadurch wurde sein Buch auch von den so genannten Puritanern, tiefreligiösen Menschen, die den Großteil der damaligen englischen Bevölkerung ausmachten, gekauft. Sie verabscheuten nämlich jede Fiktion als Werk des Bösen, weil es die Menschen von der Realität und damit von Gott ablenke.

Dan Brown besteht ebenfalls auf der Wahrheit seines Romans. Auf Seite 9 schreibt er, dass sämtliche Fakten in Sakrileg wahrheitsgetreu wiedergegeben seien. Auch Defoe erklärte so etwas Ähnliches in seinem Vorwort. Bloß: In dem zur Hauptsendezeit ausgestrahlten Interview erklärte Brown vor etwa fünfzehn Millionen Zuschauern, dass er beim Schreiben seines Romans vom Skeptiker zu einem Gläubigen geworden sei: „Ich begann als Skeptiker. Als ich mit den Recherchen für den Da Vinci Code begann, dachte ich, dass ich eine Menge von dieser Theorie über Maria Magdalena und das Heilige Blut und diese ganzen Sachen widerlegen würde. Aber ich wurde ein gläubiger Mensch.“ Dan Brown glaubt also an das, was er schreibt. Das ist sein gutes Recht. Das Problem dabei ist nur, dass auch viele seiner Leser an das glauben, was er schreibt.

Ein guter Romanautor ist noch lange kein guter Historiker. Nur weil etwas wahrscheinlich klingt, ist es noch lange nicht wahr. Sobald es um Glaube, Religion oder Kult geht, werfen offensichtlich viele Menschen ihren gesunden Menschenverstand und alle Logik über Bord. Es wird nicht der Roman hinterfragt. Sondern den aufgestellten Behauptungen wird blind geglaubt. Kritiklos übernimmt man die Meinung des Autors und mit ihm verwirft man die Wahrheiten, die historisch als wissenschaftlich erwiesen gelten. Und dann glaubt man auch noch, man sei besonders aufgeklärt oder gut informiert.

Dem gläubigen Menschen wird oft vorgeworfen, dass er Vernunft und Wissenschaft für sich ausklammert. Und gleichzeitig wird hier kritiklos die Vernunft beiseite geschoben, nur um wieder dem gläubigen Menschen etwas vorzuwerfen. Dabei gehören Glaube und Vernunft von beiden Seiten her gesehen zusammen und können sich in Wahrheit nie gegenseitig widersprechen. Papst Johannes Paul II beschrieb in seiner Enzyklika „Fides et Ratio (Glaube und Vernunft)“ ein wunderbares Bild: Mit den beiden Flügeln, Glaube und Vernunft, schwingt sich der Mensch empor zu Gott hin. Der Glaube allein wäre für ein erfülltes Leben zu wenig, auch die Vernunft hat Gott uns geschenkt. „Prüft alles und behaltet das Gute“, sagte Jesus zu seinen Aposteln, bevor er den steinigen Weg zur Kreuzigung antrat.

Dr. Darrell L. Bock, Humboldt-Stipendiat und ausgewiesener Experte in Sachen „historischer Jesus“, fasst in seinem Buch „Die Sakrileg Verschwörung“ zusammen: „Dan Browns Buch steht für den Versuch, durch selektive Verwendung alter Texte Geschichte umzuschreiben. Der Roman behauptet Fakten, die es nicht gibt.“ Ein anderer führender Historiker und Theologe, Carsten P. Thiede, erklärt in seinem Buch „Der unbequeme Messias“ noch weiter: „Das eigentliche Problem mit dem Roman Sakrileg sind jedoch die Behauptungen, die Brown über Dokumente aufstellt, die wirklich existieren und zweifellos nicht gefälscht sind: die Evangelien, die Nag-Hammadi-Kodizes, die Qumranrollen und andere. ... Wie immer in solchen Büchern wird der Vatikan als böse Macht dargestellt, die verhindern will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Dabei wird die Tatsache, dass der Vatikan in den entscheidenden Jahren nach ihrer Entdeckung gar keinen Zugriff auf die Qumranrollen hatte, geflissentlich ignoriert. Kein einziger Wissenschaftler des Vatikans war je Mitglied des Herausgebergremiums, als die Schriftrollen gesammelt, fotografiert und für den sorgfältigen und schwierigen Prozess der Entzifferung, Transkription und Veröffentlichung an die Wissenschaft übergeben wurden. Die hebräischen und aramäischen Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran erwähnen Jesus (noch dazu) überhaupt nicht.“

Dennoch ist es gut und berechtigt, sich mit den Themen, die Dan Brown aufwirft, auseinanderzusetzen. Immerhin ist das Leben und Sterben Jesu der Eckpfeiler unseres Glaubens. Das ist dann auch, wenn man so will, das Positive an Sakrileg: Es fordert die Christen heraus, sich mit ihrem Glauben kritisch und ernsthaft auseinanderzusetzen. Wenn Jesus nicht gestorben und auferstanden wäre, dann wäre nämlich der ganze Glaube ein einziger großer Irrtum. Unsere heutige Welt fordert Antworten auf ihre Fragen nach Wahrheit, nach Glauben, nach Hoffnung und Liebe. Um diese Antworten zu geben, müssen wir sie aber zuerst selbst gefunden haben.

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