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26.04.2007

Der christliche Glaube und die Vernunft

Glauben heißt, nichts wissen. Glauben wir deshalb nicht?

von Michael Cech

Bedeutet glauben bloß: „Ich glaube, heute wird das Wetter schön!“, oder steckt da mehr dahinter? Was heißt eigentlich wissen? Wie sicher kann man wirklich etwas wissen? Was ist die Wahrheit? Diese Fragen brachten uns ziemlich zum Grübeln, und so nahmen wir Hilfe bei einem Doktor und Philosophen, Pater Denis Borel, sowie einem Seelsorger der Universität Wien, Pfarrer Claveria, und fragten verschiedene Jugendliche, um zu erfahren, wie das mit der Vernunft, dem Glauben und dem Wissen wirklich ist. Folgende Zusammenfassung ist daraus geworden...


Was ist eigentlich Vernunft?

Es kann vernünftig sein, früh schlafen zu gehen, damit man am nächsten Tag gut ausgeschlafen ist. Ein gutes Beispiel, welches uns zeigt, dass wir unter den „vernünftigen“ Menschen meist die Langweiligen und Braven verstehen. Doch wenn es sich hier um einen Spitzensportler handelt, ist dieses „Vernünftig-Sein“ auf einmal nicht mehr spießig, denn hier gibt es ein noch größeres Ziel dahinter. Also ist die wirkliche Vernunft die Fähigkeit, die Dinge richtig einzuordnen, so dass ein Ziel erreicht wird. Erst das Ziel macht eine Sache vernünftig. Wir unterscheiden uns nämlich von den Tieren (tatsächlich!), dass wir nicht nur nach dem Augenblick, eben einem Instinkt nach, handeln müssen, sondern wir können unsere Handlungen auf ein Ziel hin ausrichten und dementsprechend Dinge tun oder eben nicht tun. Wir Menschen haben die Fähigkeit der Vernunft: Wir können nicht nur denken, sondern auch verstehen.


Wissensdurst

Ist es nicht interessant, dass wir nicht nur die Fähigkeit haben, die Dinge zu verstehen, sondern dass es uns regelrecht drängt, alles zu begreifen: die Naturgesetze und Gesetzmäßigkeiten, die Ordnung in einer Gesellschaft, die Gesetze über den Menschen. Wir kennen dieses Gefühl, den Wissensdurst, diesen Drang nach der Wahrheit. Wir wollen einfach wissen, wie die Dinge funktionieren und warum sie funktionieren. Im Letzten wollen wir wissen, wie und warum der Mensch funktioniert, also wir selbst. Und spätestens hier stoßen wir auf eine Grenze. Denn die Wissenschaft kann zwar ganz gut eine Antwort auf das Wie geben, tut sich aber schwer bei dem Warum. Der Spitzensportler hat uns gezeigt, dass die Vernunft die Fähigkeit bedeutet, alles auf ein Ziel hinzuordnen. Was aber nun, wenn es gar kein Ziel gibt? Wird dann im Letzten nicht alles unvernünftig?


Was steckt hinter den Dingen?

Um die Dinge zu verstehen, wie es heute die Naturwissenschaften zu tun pflegen, geht man meistens so vor, indem man das Ganze in seine einzelnen Teile zerlegt und untersucht. Zum Beispiel untersucht man die Atomstrukturen, um das Verhalten von bestimmten Materialien zu erforschen. Stellen wir uns einmal den kleinen Ferdinand vor. Er ist allein zu Haus. Natürlich begibt er sich auf seine übliche Forschungsreise und entdeckt die große Pendeluhr und beginnt sie wissensdurstig zu zerlegen. Nach einiger Zeit hat er es tatsächlich geschafft, alle Einzelteile feinsäuberlich am Boden aufzulegen. Es wird aber sehr schnell klar, dass die Uhr, die regelmäßig ihre Glocke läutete, mehr ist, als die Einzelteile auf dem Boden. Hinter der Pendeluhr steckt nämlich eine Vernunft, die eine ganz bestimmte Ordnung geschaffen hat. Wer bei der Untersuchung der Einzelteile stehen bleibt, und nicht diese Vernunft dahinter entdeckt, der wird nie verstehen, was eine Uhr ist. Die Pendeluhr zeigt uns, dass es jemand gegeben haben muss, der mit seiner Vernunft die vielen einzelnen Teile durchdrungen hat.


Glaube und Vernunft

Nur weil wir Gott nicht sehen oder messen können, heißt das nicht, dass der Glaube an Gott unvernünftig ist. Es gibt viele Dinge, die wir nicht sehen können, und doch wissen wir, dass sie existieren, wie die Freiheit, die Freundschaft oder der Friede, oder eben die Vernunft hinter der Pendeluhr. Genauso können wir sagen, dass der Glaube an Gott vernünftig ist. Wenn wir uns nämlich die Fragen nach der Ordnung hinter den Dingen und nach dem Ziel stellen, dem wir alles hinordnen können, dann scheint es auf einmal vernünftig, sich auch die Frage nach Gott zu stellen. Gott ist die Antwort auf die Ordnung und das Ziel. Es ist sehr wichtig, dass wir diesen Gott auch mit unserer Vernunft immer mehr begreifen lernen. Aber wenn Gott für uns nur das wäre, was wir bereits begriffen haben, dann wäre das genauso kurzsichtig, wie wenn man glaubt, dass die Welt nur das ist, was man wissenschaftlich untersucht hat. Glaube ist noch mehr. Denn Gott hat sich selbst mitgeteilt. Er kommt uns entgegen. Er hat sich „offenbart“. Es gibt im Leben zwei große Dimensionen: Einerseits müssen wir mit unserer Vernunft die Dinge, also auch Gott, immer mehr verstehen lernen, andererseits kommt uns Gott entgegen, indem er sich offenbart.


Jemandem vertrauen

Beim Glauben geht es um die Dinge, die Gott uns geoffenbart hat. Auch wenn wir immer mehr verstehen lernen sollen, liegt der Beweggrund zu glauben nicht darin, dass wir alles mit unserer Vernunft schon verstanden haben, sondern, dass Gott sich selbst mitgeteilt hat. Glauben ist so gesehen viel „sicherer“ als die Vernunft, denn Gott kann sich nicht so leicht irren, wie wir Menschen. Gleichzeitig ist der Glaube für uns schwieriger, weil sich die Vernunft auf etwas Erfahrbares stützt, der Glaube aber auf etwas nicht Erfahrbares, das Geoffenbarte. Vernunft liegt dem Menschen nahe, Glaube liegt Gott nahe. In gewisser Hinsicht ist es daher der Glaube viel gefährlicher, weil er einen Sprung ins Geoffenbarte erfordert, den die Vernunft nicht erfordert. Ich muss jemandem vertrauen. Die Frage ist nur, wem ich vertraue. Und genau hier ist wieder unsere Vernunft gefragt, die alle Erfahrungen beleuchtet und versucht das Richtige herauszufinden. Auf der anderen Seite ist der Glaube für die Vernunft notwendig, um das Ziel zu kennen, auf das ich alles hinordnen kann. Der berühmte Kirchenlehrer Augustinus hat schon im 4. Jahrhundert gesagt: „Ich glaube, um zu verstehen, und ich verstehe, um besser zu glauben.“


Vernunft sieht Fehler ein

In dieser Bewegung hat die Menschheit alle ihre Erkenntnisse gewonnen, ist quasi immer erwachsener geworden, und wird sich auch in Zukunft noch weiter entwickeln. In dieser Bewegung hat es sicher auch Fehler gegeben und gibt es weiterhin Fehler. Die Frage ist, was man daraus lernt. Papst Johannes Paul II hat sich für die Fehler der Kirche, wie zum Beispiel im Fall des Galileo Galilei, öffentlich entschuldigt. Damals haben die Theologen den Fehler gemacht, aus der Bibel naturwissenschaftliche Gesetze abzuleiten. Bis heute wird das gerne als Argument benutzt, dass die Kirche vernunft- und wissenschaftsfeindlich wäre. Auf der anderen Seite haben die weltlichen Forscher wenig aus ihren Fehlern gelernt und lassen Gott immer mehr aus ihrem Blickpunkt heraus. Was folgt sind die Technologien des 20. Jahrhunderts, die alles machen wollen, was machbar ist, ohne auf eine Ethik zu achten. Nach wie vor beutet ein Staat den anderen aus, Elend und Armut sind die Folge. Vernunft und Glaube sind wie die zwei Flügel eines Vogels, hat Johannes Paul II gesagt. Beide sind notwendig, um die Dinge dieser Welt richtig einzuordnen und die Wahrheit zu entdecken.

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