Angst – jeder hat sie, keiner will sie

Jeder kennt die Angst. Als quälendes, komisches oder sogar lähmendes Gefühl. Angst ist schon immer ein aktuelles Thema gewesen und wird es vermutlich auch immer bleiben. Aber was ist das überhaupt, Angst? Warum hat man teilweise so viel davon und woher kommen all die Ängste? Unmengen Bücher und Material gibt es zu diesem Thema – aus diesem Grund haben wir zwei Spezialisten gefragt, die sich auskennen: Dr. Christian Spaemann, Leiter einer Klinik für Psychische Gesundheit, und Pater Jean-David, oft beanspruchter Seelsorger, was Ängste angeht.
Der Bereich „Angst“ lässt sich grundsätzlich in zwei Bereiche aufteilen: begründete und unbegründete Ängste. Die einen sind wichtig und dienen unserem Schutz. Die anderen sind oft unreal, „diffus“ und können uns schon mal ziemlich fertig machen. Mit dieser Art wollen wir uns beschäftigen.

Angst – was ist das eigentlich?

Dr. Spaemann: Angst ist zuerst einmal ein ganz natürliches und normales Signal des Menschen vor Gefahr. Auch Tiere haben Angst – so war z. B. unser Hund mit der Leine nicht vom Fleck zu bringen, wenn wir in die Nähe der Tierpraxis kamen. Ängste haben auch beim Tier viel mit Erfahrungen in der Vergangenheit zu tun. Beim Menschen kommt aber gegenüber dem Tier noch etwas hinzu, was mit seiner geistigen Natur zu tun hat. Wir sind uns nämlich bewusst, dass wir von Beziehungen abhängig sind, die wir auch wieder verlieren können, und wir wissen, dass unsere Existenz hier einmal aufhört. Es gibt also eine gewisse Grundängstlichkeit, die unser Leben an sich betrifft, und der das sogenannte Urvertrauen gegenübersteht.

P. Jean-David: Auch die unbegründeten Ängste kann man in gewisser Weise als Signal vor Gefahr sehen, auch wenn die Gefahr nicht nachvollziehbar oder unrealistisch ist. Philosophisch gesehen ist Angst die Furcht vor Verschlechterung. Man überlegt sich, was passieren könnte, beziehungsweise, dass sich etwas verschlechtern könnte. Diese Ängste sind dann quasi Streiche der eigenen Vorstellung. In gewisser Weise sind sie für uns aber Signale, dass wir uns noch mehr und intensiver mit dem Leben beschäftigen sollen, um Vorstellung und Realität besser einordnen zu können.

Woher kommen Ängste?

Dr. Spaemann: Keine Angst haben zu können, ist eigentlich krankhaft. Neben der Angst als natürlicher Reaktion gibt es aber auch viele Ängste, die durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit zustande kommen. Wenn ich schon einmal von einem lieben Menschen verlassen wurde, steigt natürlich die Angst davor, dass mir das wieder passiert. Was die existentielle Grundängstlichkeit anbelangt, so scheint mir diese in unserer westlichen Gesellschaft besonders ausgeprägt zu sein. Zu kleine und oft zerrüttete Familien und ein Mangel an religiöser Bindung scheinen nicht geeignet zu sein, das entsprechende Urvertrauen in menschliche Beziehungen und in die Geborgenheit in der Hand Gottes zu entwickeln.

P. Jean David: Daneben ist es heute nicht zu unterschätzen, was von den modernen Medien kommt. Viele Kinder und Jugendliche schauen zu früh zu „wilde“- Filme, wie z.B. Horrorfilme an. Im ersten Moment ist das lustig und gruselig, aber das innere Kino, unsere Fantasie, verarbeitet und verstärkt diese Erfahrungen enorm. Dadurch kommt es zu einer Übersensibilisierung und es entstehen Ängste. Auch wenn das manche, die äußerlich hart sein wollen, vielleicht belächeln mögen, aber nach meiner Erfahrung würde ich sagen, dass über 90 Prozent der unrealen Ängste durch solche Filme initiiert sind.

Glaube und Angst

Dr. Spaemann: Der gelebte Glaube stellt einen wichtigen Faktor gegen Angst dar. Dennoch sollten wir uns als Christen nicht dazu verführen lassen zu meinen, wir könnten durch Gebet und Meditation unsere Ängste einfach abstreifen und wie unverletzliche lächelnde Buddhas leben. Unser Konzept ist nicht, aus dem Leben spirituell auszusteigen, sondern es intensiv zu durchleben. Alle Heiligen haben die menschlichen Ängste durchlebt und Christus hat am Ölberg eine für uns nicht nachvollziehbare, abgründige Angst erlitten. Den Glauben zu leben, bedeutet nicht, vor Ängsten geschützt zu sein, sondern in den Ängsten gestützt und gestärkt zu sein. Ich bin nicht mehr die Angst, sondern ich, als ein von Gott Geliebter, habe die Angst und das ist bereits ein großer Unterschied!

P. Jean-David: Der Glaube an den auferstandenen Herren Jesus Christus, der für uns ans Kreuz gegangen ist, ist eine ziemlich gute Firewall für uns. Er nimmt nicht die Angst, aber er bietet uns die Möglichkeit, diese abzugeben, zu ertragen und effektiv dagegen anzukämpfen. Ertragen heißt hierbei, dass wir uns durch Ängste nicht das Leben vermiesen lassen sollen, und ankämpfen heißt, dass wir dort, wo uns Ängste massiv einschränken, diesem Zustand ein Ende bereiten. Wir beginnen damit, das Vertrauen in Gott aufzubauen: „Jesus, ich vertraue auf dich!“ Dieses neue Vertrauensverhältnis überträgt sich dann auch auf alle Situationen.

Was kann man gegen Ängste tun?

Dr. Spaemann: „Tu, was dir Angst macht“, hat schon Sigmund Freud gesagt. Es geht darum, dass wir uns den Ängsten stellen. Jeder hat das Zeug dazu, Ängste zu überwinden. Sich nicht zu viel vornehmen, aber kontinuierlich die Schmerzgrenze erhöhen und so die Angst vor etwas überwinden. Außerdem ist es eine große Hilfe, wenn man sein Leben als ein Ganzes in den Blick nimmt und es als eine Herausforderung sieht. Einzelne Probleme und Ängste werden so als Teil dieser Herausforderung gesehen. Diese Sichtweise macht Mut und gibt unseren täglichen Kämpfen einen Sinn. Auch tut es gut, sich einem anderen Menschen mitzuteilen. Auch dies erfordert Mut, weil wir uns meist für unsere Ängste schämen. Für mich als Psychiater ist es zudem auch wichtig zu sagen, dass jemand, der unter anhaltenden Ängsten oder Suizidgedanken leidet und sich immer mehr zurückzieht, einen Arzt aufsuchen und die Möglichkeit der Psychotherapie nutzen sollte, und dass das keine Schande ist.

P. Jean David: Es gilt auch, die Angst als imaginäres „Worst Case Szenario“ zu entlarven, das heißt, dass man das Kopfkino aufdeckt, welches man hat und bei dem man sich immer das Allerschlimmste ausmalt. Das tun wir, indem wir uns möglichst in die Realität holen. Wir können überlegen, ob es wirklich so schlimm ist, wenn das und das passiert. Meist merken wir dann, dass es nicht so schlimm ist und man ruhig auch mal versagen darf, ohne dass die Welt gleich untergeht. Oder, wenn man Angst in bestimmten Momenten hat, ist eine wirklich gute Möglichkeit, dass man genau dann, wenn die Angst kommt, sich „auf den Boden holt“. Am besten macht man das, indem man sich geschickt selbst überlistet. Wenn ich mit Höhenangst aus dem Fenster blicke und die Angst kommt – beiße ich mir ein wenig auf die Zunge oder drücke mir auf den Fingernagel. Das klingt nun komisch, aber wenn man in dem Moment dem eigenen Körper den Unterschied zwischen „Kopfkino-Angst“ und wirklichem Schmerz zeigt, beginnt er zu realisieren, dass er mit der Höhenangst auf dem Holzweg ist. In jedem Fall denke ich auch, dass es eine Hilfe ist, mit jemanden darüber zu reden – z.B. mit Freunden, Eltern oder mit dem geistlichen Begleiter.

Allgemeine Tipps gegen die Angst

Dr. Spaemann: Gerade in einer Zeit der Scheinwelten von Internet und Chatrooms wäre es gut, auch viele echte und reale Erfahrungen zu machen. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob ich Herausforderungen nur in einer passiv erlebten Scheinwelt auslebe oder ob ich, um einige Beispiel zu nennen, selber in einer Band spiele, nächtelang mit Freunden rede, mich traue meine Gefühle auszusprechen, auch wenn ich einen Korb bekomme, oder um drei Uhr in der Früh aufstehe, um einen Sonnenuntergang auf einem Berggipfel zu erleben. Wer in diesen kleinen Dingen Herausforderungen auf sich nimmt und sich so manchen Ängsten entgegenstellt, der wird den vielen anderen Situationen im Leben mutig entgegentreten können.

P. Jean-David: Jesus hat so oft gesagt: „Fürchtet euch nicht!“ Er hat das gesagt, weil er die tiefste Grundangst des Menschen genommen hat, die Angst vor dem Tod. Durch seine Auferstehung hat er uns gezeigt, dass nicht der Tod und das Dunkel das letzte Wort haben. Wer einen starken Freund hat, weiß, dass er sich vor anderen nicht zu fürchten braucht. Gott ist unser größter Freund. Vor wem oder was müssen wir dann noch Angst haben?

Fotos: istockphotos

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